»what’s wrong with a little destruction?«

In der jüngst erschienen vers beaux temps haben wir uns mit einem Diskussionsbeitrag zum Gehalt der Militanz an einer von der Redaktion in Ausgabe 19 angestoßenen Militanzdebatte beteiligt.
Der Text kann entweder als PDF-Datei heruntergeladen oder hier direkt gelesen werden. Den Text des AK Vermittlung, der die Diskussion eröffnete kann als PDF runtergeladen werden.

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PDF-Download AK Vermittlung- »Militante Praxis«

»what’s wrong with a little destruction?«1

Gehalt der Militanz

Mit einem Text des AK Vermittlung wollte die Redaktion der vers beaux temps auch in Bezug auf die Ereignisse nach der Silvesterdemo 2007 eine neue Militanzdebatte anstoßen, da der Text des AK Vermittlung für uns2 bestenfalls gut gemeint war, nehmen wir die Einladung gerne an. Es soll hier vor allem um die inhaltliche Ausrichtung der Militanz gehen, mithin der wichtigste Punkt der Debatte und der, der beim AK Vermittlung nicht angesprochen wurde.

»don’t believe the hype«3

Der Schlusssatz des AK Vermittlung lautet »Mehr Aufmerksamkeit für linksradikale Politik!«4. Politik das ist für den AK eine ganze Reihe von Aktionsformen, durch die gleich ein bestimmter Inhalt vermittelt werden soll, so demonstriere das »Plündern eines H&M Ladens« Umverteilung praktisch. Die inhaltliche Ebene auf der bestimmt werden könnte ob die angesprochenen Aktionsformen denn, sowohl was die inhaltliche Vermittlung, als auch die Unvereinbarkeit die angesprochen wurde, tatsächlich so gegeben sind wird dabei vermieden.
Wir sehen daraus ein Problem erwachsen, dessen praktische Artikulation bei der Silvesterdemo 2007 in Hannover zu sehen war, dessen theoretische Artikulation sich auch im Text des AK Vermittlung zeigt. Während die Teilnehmer_innen der Silvesterdemo Scheiben bei Kleinwägen einschlugen und sich damit zurecht der Kritik aus breiten Teilen der radikalen Linken zuzogen, schreibt der AK Vermittlung immerhin, dass Kleinwagen ja nicht Ziel militanter Aktionen sein könnten, das Abfackeln von »Luxusautos« hingegen wird als Akt einer radikalen Linken, als Vermittlung linksradikaler Politik begriffen.
Warum denn das Abfackeln eines Autos (genauer gesagt eines »Luxusautos«) Gesellschaftskritik sei wird nie stichhaltig begründet.
Ebenso wird die Anschlussfähigkeit militanter Aktionen begeistert hervorgetan, bei Plünderungen würden Dritte begeistert mitmachen und Abschiebungen von geliebten Personen würden Menschen zu Aktionen animieren.
Allein diese Anschlussfähigkeit, die eine militante Aktion unter Umständen bieten kann ist aber auch noch kein Argument für diese, können doch auch nicht-militante Aktionen, wie eine Veranstaltung, Leute mobilisieren, außerdem ist allein durch die Teilnahme an einer Plünderung noch nicht gesagt ob das nicht vielleicht aus purem Eigeninteresse für den Einkauf mal nicht bezahlen zu müssen geschieht, oder aus der puren Laune, denn Plündern und Ladendiebstahl mögen zwar Spaß machen. Ladendiebstahl kann auch unabdingbar für das Überleben einzelner Menschen, in einer Inhaltsleere wie beim AK ist er aber purer Aktionismus und, wie später gezeigt wird, nicht in der Lage vernünftige Gesellschaftskritik zu transportieren.
Bevor wir auf das Beispiel mit der Abschiebung eingehen sei gesagt, dass wir den Kampf gegen Abschiebungen und für freies Fluten keineswegs für überflüssig halten- ganz im Gegenteil, denn staatlich institutionalisierter Rassismus ist im Hier und Jetzt eine der größten Gefahren für Leib und Leben vieler Menschen. Darum geht es hier aber nicht.
Wenn der AK Vermittlung sagt, dass bei Abschiebungen, Freund_innen, Bekannte etc. der Betroffenen mitmachen ist noch nicht gesagt, dass diese mehr gegen staatlichen Rassismus haben als das es gerade eine geliebte Person trifft, also ist auch mit dem Kampf gegen Abschiebung vielleicht eine breitere Mobilisierung möglich, ohne vermittelte Inhalte nützt dies einer radikalen Linken aber herzlich wenig.
Daran zeigt sich ein elementares Problem: Es macht keinen Sinn über die Form der Vermittlung zu streiten wenn noch nicht einmal klar ist was denn vermittelt werden soll.
Militanz drückt weder per se eine Unversöhnlichkeit mit der heutigen Gesellschaft aus, noch ist die Gegnerschaft zur heutigen Gesellschaft zwangsläufig etwas Gutes. Wenn eine Truppe Hooligans eine Polizeisperre durchbricht dann ist dies zwar eine militante Aktion, gesellschaftskritisch aber noch lange nicht. Wenn die Rote Antifa Duisburg/Düsseldorf eine Demo gegen Kapitalismus durchführt dann kann man sagen »Toll, die haben ja auch etwas gegen Kapitalismus« und wenn die Göttinger Gruppe A.L.I. zu einem Podium zum Thema Ladenschluss einlädt dann ist auch dies erstmal nichts Negatives.
Kritisch wird es dann wenn man sich mit den vermittelten Inhalten der jeweiligen Veranstaltung auseinandersetzt. Dann wird nämlich klar, dass der Antikapitalismus der RAD/D eine Hetztirade auf multinationale Unternehmen ist und sie noch nicht einmal das Geld abschaffen wollen5. Bei einer Betrachtung des Podiums der A.L.I. fällt die Magdeburger Gruppe »zusammen kämpfen« auf, die in der Vergangenheit vor Allem durch Angriffe auf linke Veranstaltungen auffiel6.

»theoretisierende giftwellen«7

Es gilt den Kapitalismus und die Unterdrückung und Ausbeutung durch jenen als systemisch angelegt zu begreifen, die Herrschenden können zwar die Ausbeutung nach ihren Interessen mal mehr (»Polizeistaat«) mal weniger hart (»Sozialstaat«) organisieren, sie für die Unterdrückung und Ausbeutung verantwortlich zu machen führt aber in die Irre, denn sie mögen Arschloch oder Gutmensch sein, aber beide sind in Formbestimmungen des bürgerlichen Staates und der bürgerlichen Demokratie gefangen.
Politik und Ökonomie mögen sich dabei von Zeit zu Zeit zwar gehörig auf die Nerven gehen, etwa wenn der Staat mit neuen Umweltschutzgesetzen dem Profitstreben der Ökonomie ein weiteres Hindernis in den Weg legt, sie sind aber beide voneinander abhängig. Verliert der Staat die in seinem Herrschaftsgebiet angesiedelte Ökonomie, so verliert er dadurch die Grundlage seiner Geschäftstüchtigkeit, die Steuern, denn nur eine Wirtschaft, die verlässlich Gewinne einfährt kann einen Teil dieser Gewinne als Steuern an den Staat zurückzahlen. Wäre die ganze Wirtschaft von staatlichen Subventionen abhängig um zu überleben wäre der Staat am Ende. Während soziale Absicherungsmaßnahmen, Arbeitsschutzgesetze und andere Maßnahmen des Staates dem Kapital und seinem Profitstreben eher ein Dorn im Auge ist, ist es in der heutigen Gesellschaft auch der Staat, der der Ökonomie überhaupt ihre grundlegenden Mechanismen des Wettbewerbs sichert. Durch Recht und dem Monopol auf dessen Definition beim Staat sorgt er für die Einhaltung der Arbeitsverträge und sichert das Privateigentum. Wer seinen Arbeitsvertrag bricht oder gar ein Eigentumsdelikt begeht wird von der Judikative zur Rechenschaft gezogen. Wer sich affirmativ an den Staat wendet, oder anders gesagt versucht diesen mitzugestalten, der gibt die Hoffnung auf einen mehr als moderaten Wandel der kapitalistischen Gesellschaft auf. Emanzipation kann nur durch ein grundsätzliches Infragestellen der Mechanismen des Kapitalismus geschehen. Sich bei dieser radikalen Kritik immer wieder auf die Ebene des Politik machen zurückzuziehen ist mehr als kontraproduktiv. Ebenso kontraproduktiv ist es dann auch die zu kritisieren, die Heute an der Macht sind und Morgen durch Andere abgelöst wurden, die vielleicht ein anderes Label, aber im Grunde die Selben Inhalte nach außen tragen. Damit ist nicht gesagt, dass es hin und wieder angebracht ist einzelne Personen für ihr Verhalten zu kritisieren, zum Beispiel Schünemann für seinen Versammlungsgesetzentwurf, für die systemischen Schädigungen, denen alle Menschen ausgesetzt sind können diese aber herzlich wenig.
Ähnlich verhält es sich mit dem Plündern bei H&M, »mit dem Umverteilung praktisch demonstriert wird«. Das was da demonstriert wird ist vielleicht »Umverteilung aus euren Taschen«8, die Umverteilung des Reichtums, der Kleidung auf die, die an der Plünderung beteiligt sind, an dem Kern des Problems, dem Privateigentum an gesellschaftlichen Produktionsmitteln, geht diese Form der Umverteilung gnadenlos vorbei, mehr noch sie thematisiert sie noch nicht einmal.
Das kollektive Glück durch Umverteilung kann so auch in einer Gesellschaft erlangt werden, die von einer umfassenden Emanzipation, und das meint eine Emanzipation von Tausch, Ware und Wert als Grundkategorien kapitalistischer Gesellschaften, nichts hören will. Das kollektive Glück ist damit aber höchstens eine euphorische Momentaufnahme, die am nächsten Tag der Ernüchterung weichen muss.

»weil ich ein benz fahr’, bin ich noch kein nazi«9

Militante Praxis erfordert Verantwortung, das hat der AK richtig erkannt. Militanz erfordert aber auch in der inhaltlichen Legitimation Verantwortung.
Eine Aktion, die auf einer falschen Analyse beruht kann letztendlich noch so sorgsam ausgeführt werden, durch Weglassen der Inhalte wird sie für eine radikale Linke nicht besser. Der Verzicht auf Militanz, das Reduzieren der eigenen Kritik auf Verbalradikalität und das Vertrauen auf die Kraft des besseren, eigenen Argumentes sind aber, angesichts der Kraft des falschen kapitalistisch-nationalistischen Arguments und der Gewalt mit der dieses Tag für Tag erhalten wird, keine Alterntiven und überhaupt nicht nötig.
»Eine Diskussion um Militanz hat sich vor Allem mit deren Inhalten auseinanderzusetzen«10.
In diesen Sinne gilt es zu erkennen: Nicht jeder Kapitalist ist Arschloch, wie etwa von den Protagonist_innen der Wagensportliga in deren Aktionen postuliert, und nicht jede_r Arbeiter_in gut, ist es doch offenbar, dass Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und ähnliche Herrschaftsformen von der Masse der Bevölkerung reproduziert werden und nicht von oben verschrieben werden. Wenn dieses Nichtwissen (oder bewusste Reproduzieren) über Herrschaftsverhältnisse seitens der Besitzer_innen bedeutet das man einen Wagen abfackeln könnte, dann, und da wären wir wieder bei der Silvesterdemo 2007, kann man auch Kleinwagen beschädigen, weil die Besitzer_innen das mit der emanzipativen Gesellschaft noch nicht verstanden haben. Und das wo sie doch viel bessere und alltäglich erfahrbare Gründe haben sollen als der Kapitalist mit dem Laden endlich Schluss zu machen.
Natürlich ist Militanz mit dieser Zielsetzung Schwachsinn, und wird zum Glück auch nicht angewandt. Ebenso Schwachsinn, dass sollte mittlerweile klar sein, ist es aber auch die herrschende Klasse dafür, dass sie den Kapitalismus reproduzieren in Sippenhaft zu nehmen und der Masse der Bevölkerung, mal wieder, einen Persilschein auszustellen.

Für das Ende der Gewalt!
Für den Kommunismus!

Antinationale Initiative
Gruppe wider den deutschen Zuständen
antinationaleinitiative[at]gmx[dot]net

  1. Franz Ferdinand, The Fallen [zurück]
  2. Uns, Wir usw. bezieht sich auf die Mitglieder der Antinationalen Initiative [zurück]
  3. Boys Noize, Don’t believe the hype [zurück]
  4. Zitate, wenn nicht anders gekennzeichnet, sind aus dem Text »Militante Praxis« des AK Vermittlung aus der vbt 19 S. 32 f. entnommen. [zurück]
  5. Die RAD/D verteilte ein Flugblatt mit solchen Inhalten auf einer Demo Anfang Februar 2008 in Essen: http://ai.blogsport.de/images/raddessen.jpg [zurück]
  6. http://aipmd.pytalhost.de/texte/fuerdasendedergewalt.html [zurück]
  7. http://vegan.blogsport.de/2008/08/02/wir-stellen-menschen-und-andere-tiere-nicht-gleich/#comment-80 [zurück]
  8. Die Bandbreite, Wir können auch anders [zurück]
  9. Deine Lieblingsrapper, Mit Stil [zurück]
  10. Phase2 Leipzig, »Vom denkenden Handeln«, Phase2 28 [zurück]