Die Bildung klauen lassen

Zum Bildungsstreik haben wir auch folgendes Flugblatt veröffentlicht, welches sich kritisch mit der Bewegung auseinandersetzt. Dies sind Fragmente aus einem weitergehenden Diskussionsprozess, bei denen wir wichtig gefunden haben sie zu veröffentlichen um den Student_innen in angemessener Kürze einige Fehler ihres Protests aufzuzeigen. Wie immer sind Kritik und Anmerkungen gerne gesehen und können an antinationaleinitiative[at]gmx[dot]net übersendet werden.
Zur weiteren Lektüre emfehlen wir auch hier einen Blick in die Texte gegen den Bildungsbetrieb zu werfen.
Den Text kann man hier lesen oder sich auch als PDF speichern. In Hannover wird es den in Kürze auch gedruckt geben, wenn ihr Interesse habt den Text auch in eurer Stadt zu verbreiten, sagt uns bitte kurz Bescheid ansonsten sei euch das Kopieren nach Wunsch freigestellt.

PDF-Download von »Die Bildung klauen lassen. Drei Fragmente zur Kritik des Bildungsstreik 2009«

»Wie ein stoischer Sklave glaubt der Student sich umso freier, je mehr alle Ketten der Autorität ihn fesseln. Genau wie seine neue Familie, die Universität, hält er sich für das gesellschaftliche Wesen mit der größten ›Autonomie‹, während er doch gleichzeitig und unmittelbar von den zwei mächtigsten Systemen der sozialen Autorität abhängt: der Familie und dem Staat. Er ist ihr ordentliches und dankbares Kind. Nach derselben Logik eines untergeordneten Kindes hat er an allen Werten und Mystifikationen des Systems teil und konzentriert sie in sich. Was einst den Lohnabhängigen aufgezwungene Illusionen waren, wird heute zu einer von der Masse der zukünftigen kleinen Kader verinnerlichten und getragenen Ideologie.«
Situationistische Internationale – Über das Elend im Studentenmilieu

Wenn man den Bildungsstreik1 anschaut, könnte man ziemlich schnell zu der Überzeugung kommen, dass es sich bei dieser Bildung, die da einerseits bestreikt, andererseits aber vor allem verbessert werden soll, um eine prima Sache handeln könnte. Warum und wann sonst schließen sich schließlich tausende Menschen zusammen und besetzen in einem, mehr oder weniger, simultanen Akt Hörsäle, Audimaxe oder ganze Unigebäude, und das über alle politischen Grabenkämpfe hinweg?
So abstrakt die Frage erscheinen mag, so einfach erscheint aus unserer Sicht ihre Beantwortung: Die meisten Streikenden haben schlicht ein unkritisches Verhältnis zum Begriff der Bildung und den Zwecken, die selbige in dieser Gesellschaft verfolgt. Dem folgend werden wir eine kritische Bestimmung des Begriffs der Bildung in westlichen Gegenwartsgesellschaften liefern und warum wir eine Kritik gegen die Bildung dem idealistischen Anrufen von Staat und Politiker_innen2 für die Bildung vorziehen.

Abs. 1 Dummheit3 als Effekt von Erziehung und Bildung

Bildung im Kapitalismus bedeutet dabei vor allem erstmal eins: Erziehung zu mündigen Staatsbürger_innen, deren eigener Zweck der der Gesellschaft ist, Arbeiten gehen um Gewinn anhäufen, dem Staat dienen, oder zumindest auf ihn hören. Das fängt schon vor der Schule mit Werten an und wird dort und später in der Universität weitergeführt. Einer wird schon in frühester Kindheit beigebracht, dass man das Stehlen zu unterlassen hat, dass es Frauen und Männer gibt, die sich natürlich heterosexuell begehren und dass es nichts geschenkt gibt. Nicht zuletzt, und durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch wird einer das Glücksversprechen der bürgerlichen Gesellschaft erzählt, arbeite hart und der Lohn wird schon eines Tages erscheinen; für die meisten Menschen wird dieses Versprechen im Laufe ihres Lebens zur weit entfernten Sehnsucht, falls es nicht weit vor der Rente abgestorben ist und dem stumpfen Ackern für Standort und Familie gewichen ist. Denn viel omnipäsenter als das Glück ist das Scheitern.
Von der Geburt an werden wir so von Eltern, Institutionen, Nachbarn, dem sozialen Druck gegen alles was anders ist, preis gegeben und so zurecht gebogen. Unter dieser Maxime geht es in der Schule dann natürlich weiter. Auch da wird einem nicht nur ideologiefreies Wissen vermittelt, sondern eine Vorauswahl, die uns dann als Bildung aufgedrückt wird. Dieses tritt beim kleinen 1×1 nicht so recht zu Tage, und auch Schreiben und Lesen lernen sind prinzipiell wichtig. Deutlicher ist das bei Themen wie Politik zu sehen. Aus der eigenen Parteilichkeit macht der Bildungskanon dabei überhaupt keinen Hehl, die Demokratie westlicher Prägung sei die beste Staatsform, die jemals die Menschen in Nationalitäten eingeordnet hat und der Kapitalismus als beste Wirtschaftsweise wird der ehemals auf Erlösung hoffenden Menschheit Jahrgang für Jahrgang wieder beigebracht.
Doch das ist bei weitem nicht alles, die Dummheiten fangen damit erst an. Natürlich, die Demokratie ist mit Militär, Polizei und Gesetzen ja außerordentlich wehrhaft, da ist kritisches Denken nicht nur erlaubt, nein sogar gefragt; Bürger_innen sollen sich konstruktiv in die Belange des Staats einbringen, sie sollen in einen Dialog mit der Politik suchen, aber alles unter der Maxime der Konstruktivität. Auch das ist nichts als eine gelernte Dummheit, man darf keine fundamentale Kritik dieser Demokratie üben, und dementsprechend verzichtet der Großteil der Menschen direkt auch darauf sich eine solche nur anzuhören. Kritik, die ihrem Wesen nach destruktiv ist, wird so abgebügelt und vor die Forderung nach der Alternative gestellt.

Abs. 2 Der Zweck der Bildung

Soweit die einleitende Bestimmung des Inhaltes der Bildung in westlichen Gegenwartsgesellschaften. Aber wozu eigentlich das Ganze? Was die Bildung soll, und das wird gerne komplett vernachlässigt, ist die Leute auf ihre Positionen im Lohnarbeitsalltag zu verweisen. In der Schule beginnt der gebildete Selektionsprozess4. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass ein Großteil der Menschen auf der Strecke bleibt, diese die Härten der Selektion früher als andere und härter abbekommen. An der Selektion ändern auch kosmetische Operationen nichts, ob in einer Gesamtschule oder einem dreigliedrigen Schulsystem, nach der Schule, oder für wenige nach der Uni, geht es knallhart los. Die Kaviarbuffets dieser Gesellschaft sollen gar nicht für alle erreichbar sein, viel mehr wird eine riesige Menge lohnabhängig Beschäftigter gebraucht. Im Restaurant, am Fließband, auf dem Bau, bei der Müllabfuhr, zum Toiletten putzen und ewig so weiter.

Abs. 3 Der Protest ist das Spektakel

Die Unzufriedenheit mit Bologna-Reform, dreigliedrigem Schulsystem und dem Lernen für Noten ist dabei durchaus verständlich. Allerdings ist genau die fehlende Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen, in welchen sich alle Bewegungen befinden, der größte Fehler der Stundent_innenproteste. Probleme wie Leistungsdruck, soziale Selektionsprozesse etc. sind nicht enstanden, weil die Politik fundamental etwas falsch gemacht hätte, oder eine andere Politik sie hätten verhindern können. Die Plätze auf dem Karussell des Gutverdienens sind rar gesät. An einigen Punkten kann man sich natürlich auch an die Politik oder die Hochschulleitung wenden, in den Punkten »Master für alle«, »Bildung für alle« oder der Verhinderung der Ökonomisierung der Hochschulen. Allerdings ändert man jenen Punkten eben nicht daran, dass Bildung für alle weiter die oben gezeigten Inhalte und Zwecke hat, dass man sich nach dem Master trotzdem in der Konkurrenz beweisen muss.
Und was bringen einem diese Forderungen? Vor allem eine weitere Effektivierung der Umgestaltungen im Bildungssystem. Kleine Klassen und mehr Lehrende hören sich erstmal gut an und können das Klima sicherlich verbessern. Aber welches Klima? Das Klima, dass einem einen Einstieg in die Berufswelt jenseits prekärer Verhältnisse ermöglicht, oder auch nicht wenn man sich den Stoff nicht gut genug angeeignet hat.
Bei dem Problem der Ökonomisierung kommt ein weiteres studentisches Elend zu Tage, das sich aber beinahe schon logisch aus den Fehlern davor herleiten lässt. Wir haben ja schon festgehalten, dass die Studierenden sich keinen Begriff der Bildung gemacht haben, stattdessen haben sie ein eigenes Ideal wie die Bildung eigentlich zu sein habe. In diesem Idealismus gerne genommen ist die Ansicht, dass man sich in der Bildung in einer höheren, humanistischen Sphäre befindet, die jetzt durch die Keule der weltlichen, ökonomischen Macht getroffen wurde. Weiterhin solle man sich die Inhalte, die in der Idealisierung der Bildung nicht behandelt und abgenickt werden, selbstständig aneignen können. Zur Not auch mal mit einem Semester Pause. Es ist ja auch viel besser die sich Dummheiten westlicher Bildung selber einzuflößen und als kritisches Individuum zu reflektieren, als ebenjene Inhalte von einer Professorin erzählt zu kriegen.
All dies sind die umrissenen Dummheiten, die die Studierenden sich haben einbläuen lassen. Es treibt sie, neben der Sorgen um ihr Ideal der Bildung, das sie den Bach runter gehen sehen, die Sorge um den Standort Deutschland. Somit machen sich die Protestierenden an die Beratung des Projektes, das ihre gegenwärtigen Probleme, und die zukünftigen wenn sie erstmal aus dem Uni-Alltag raus sind, erst in die Welt gesetzt hat und sie Tag für Tag fort schreibt. Dementsprechend scheint die Besetzung, vor allem für die Besetzer_innen als unpolitischer Akt. Man will eben doch, fernab der Politik, die Härten des Studiums umschiffen und es möglichst effektiv zu Ende bringen. Dann bleibt die Hoffnung auf einen guten Job und der Traum von den wirklichen Zumutungen, die der Kapitalismus dem Großteil der Menschen aufbürdet, nichts mehr mit zu kriegen.
Im pseudokritischen Rumgehampel der Protestbewegung wird sich dabei alle Mühe gegeben, der auf Spektakel und kurzlebige D-Stars ausgerichteten Gesellschaft zu gefallen. Der Antrieb überhaupt etwas zu machen, sich als Opfer des Bologna-Prozesses tot vor die Mensa zu legen oder über Zebrastreifen zu laufen, wird alles, der Versuch der inhaltlichen Intervention wird zum Vorwurf der Spaltung des Protestes und damit zu nichts.
Dieses studentische Spektakel veranschaulicht den Geist des Kapitalismus, der seine Geschäftigkeit überall ins Spiel bringt und die Entschleunigung sozialer Prozesse zur dringenden Empfehlung gegen das Verrückt werden macht.
All die gebotene theoretische Auseinandersetzung mit den Problemen der Menschheit ersetzen natürlich nicht die Praxis, irgendwo muss angefangen werden. Nur: Irgendwo anzufangen ohne überhaupt inhaltliche Auseinandersetzungen geführt zu haben und versuchen sich Präsidium und Ministerium zu besseren Freund_innen zu machen bringt- nichts.
Die Situationistische Internationale hielt fest, dass »das studentische marginale Elend seinen Trost in den abgenutztesten Bildern der herrschenden Gesellschaft gefunden, in der grotesken Wiederholung all ihrer entfremdeten Produkte«5, hat.
Soll der Protest den Effekt haben ein paar Wochen lang Crashtest-Dummies für die bildungspolitischen Experimente der Politik gespielt zu haben, also jene grotesken Wiederholung, oder den »die objektive Verzweiflung«6 in Lohnarbeit und Studium wirklich und von Grund auf erschüttert zu haben? Das ist die entscheidende und nicht gestellte Frage der Protestbewegung. Die einzige Lösung ist die der Negation von Bildung, Staat und Kapital. Das Arbeiten an Deutschlands Mauern einzustellen und sie stattdessen zum Fallen zu bringen. Wir möchten dabei sein.

Für Deutschland keinen Finger krumm – 60 Semester Minimum.

  1. Wenn man dieses Spektakel denn überhaupt als Streik bezeichnen möchte, weder werden die Produktionsquellen des gesellschaftlichen Reichtums angetastet, noch wird die Uni bestreikt, schließlich gibt man sich alle Mühe den normalen Unialltag fortzusetzen und nimmt dem Präsidium sogar die Arbeit ab alternative Vorlesungsräume zu organisieren. [zurück]
  2. Wir benutzen in unseren Veröffentlichungen den Unterstrich um Menschen einen Platz einzuräumen, die sich der hegemonialen Zweigeschlechtlichkeit vcn Mann und Frau nicht unterordnen können oder wollen. s. auch: arranca.nadir.org/arranca/article.do?=id=245 ; asbb.blogsport.de/2008/03/14/xxy-zwischen-den-geschlechtern/ [zurück]
  3. Womit wir keineswegs eine Mindermittlung der geschädigten Menschen meinen, sondern dass das staatlich indoktrinierte Denken, das wir alle erfahren das Denken der Leute beschränkt und sie somit dumm macht, natürlich kann man diese Dummheit wieder los werden, die Lektüre dieses Textes ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Eine weitergehende Erläuterung dieses Begriffs der Dummheit findet ihr im Text »Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm?« von Freerk Huisken, der Teil der Sammlung »Texte gegen den Bildungsbetrieb« auf unserem Blog ist. [zurück]
  4. »gebildete Sozialisation«, da in der Gesellschaft noch weit mehr selektiert wird als nur durch die Menge der Bildung, die man erfahren hat. Beispielsweise durch Geld, Nationalität, Geschlecht oder Behinderungen. [zurück]
  5. Situationistische Internationale – Das Elend im Studentenmilieu; Der Text ist auch Teil der Sammlung »Texte gegen den Bildungsbetrieb« [zurück]
  6. Theodor W. Adorno – Keine Angst vor dem Elfenbeinturm, Gespräch mit dem SPIEGEL 1969; abcphil.de/html/adorno__elfenbeinturm.html [zurück]