Oh du Heilige…

In Hannover tobt im Moment eine Antifa-Debatte. Diese wurde ausgelöst von der [AAH] in ihrer Zeitung »angriffsfläche« und wird seitdem in der tabula rasa weitergeführt.
Bisherige Beiträge:
1. Antifaschistische Aktion Hannover – Antifadebatte auf hannöversch
2. Die Beauftragten für antimilitaristische Praxis und Selbstorganisation – Angriffsfläche?! Oder ein Abwehrkampf ist ein Abwehrkampf ist ein Abwehrkampf!
3. AK Antifa im libertären Netzwerk Alerta – Eine Antwort auf den Text »Antifadebatte auf hannöversch«, erschienen in der Angriffsfläche Nr.1 | in tabula rasa #52
4. Fast Forward Hannover – »Goodbye to your little white lies! It wouldn‘t hurt to tell the truth sometimes!«| in tabula rasa #53
5. einige Antifaschist_innen – »Remember Fascism doesn‘t start with Konzentrationcamps. That’s where it ends.« | in tabula rasa #53

PDF-Download: Oh du Heilige… Antifa 2010

Oh du Heilige…


Antifa 2010

In ihrem Zeitungsprojekt »angriffsfläche« hat die Antifaschistische Aktion Hannover ([AAH]) eine Debatte über Antifaschismus anstoßen wollen und das hat auch recht erfolgreich geklappt. Leider zeigt diese »Antifadebatte auf hannöversch« bis jetzt vor allem eines und das ist die Regression der Linken in die Politik. Über den materialistischen Zusammenhang von Faschist_innen und Demokrat_innen ließ sich bis jetzt, mit Ausnahme des Textes von Fast Forward, nichts aus der Debatte entnehmen, wie die radikale Kritik an dieser Gesellschaft und ihren Abscheulichkeiten aussehen soll ebenso wenig. Was man lernen konnte ist wie man wo wie zu sein habe, dass Antimilitarismus heute das sei was der Antifaschismus die letzten Jahrzehnte war und, das gewisse Anarchist_innen lieber mit den Leuten persönlich reden. Alles schön und gut zu wissen, alles nichts.

Teil I – Linke Trutzburgen

Der Antifaschismus ist nicht mehr die Hochburg der radikalen Linken. Diese Erkenntnis ist nun ein gutes Jahrzehnt alt. Anstatt aber dieses Scheitern eines Politikfeldes, das als prädestiniert für das Vermitteln von radikaler Kritik galt, zu analysieren und zu gucken was da falsch gelaufen ist und warum sich die Zombiearmee der Zivilgesellschaft auf den Faschismus stürzte ergeht sich die Linke seit 10 Jahren in der Geste eines kleinen Kindes, dem soeben die Sandburg zerstört wurde.
Denn, so scheint die banale wie falsche Logik der linken Bewegungspolitiker_innen, wenn die eine Burg eingerissen wurde und das da gar nicht mehr so einfach ist zu agieren, dann bauen wir uns eben eine neue.
Nicht anders scheint es uns erklärbar zu sein, dass sich in den 10 Jahren zwar hier und da etwas verändert hat, man redet teilweise von einer »antideutschen Hegemonie« oder beschwört das marxsche Schreckgespenst des Kommunismus, man im Grunde aber weiter Spielchen spielt als wäre nichts gewesen. Wo in den 90er Jahren des vergangenen Jahrtausends die Antifa konstituierte, dass der Faschismus die Ideologie sei, in der sich all die andere Scheiße vereinigte, da postulieren die »Beauftragten der Selbstorganisation für antimilitaristische Praxis und Aufstand« (im Folgenden der Einfachheit halber Antimilitarist_innen genannt) heute, dass der Militarismus derjenige Teilbereichskampf sei, in dem sich all die andere Scheiße besonders treffend kritisieren lasse.
Ganz im Stile der Antifaschistischen Aktion / Bundesweite Organisation (AA/BO) haben die Antimilitarist_innen dabei eines zu kritisieren: Verschlechterungen. Was »sozial« im Kapitalismus bedeutet wird erst zum Gegenstand einer kritischen Befassung wenn eben jenes »soziale« abgebaut wird, was Freiheit im Kapitalismus bedeutet, nämlich sich frei gegen alle anderen in der Konkurrenz durch zubeißen, interessiert nicht, das Problem ist, dass diese Freiheit der Sicherheit zum Opfer falle. Was für Konsequenzen »kollektive Lösungsansätze«, gerade in Deutschland, haben können und hatten, das ist egal bei der Gefahr von »zunehmender Individualisierung«, die am Horizont aufzieht.
Auch über so fundamentale Sachen, wie was der Staat eigentlich macht wenn er nicht in Afghanistan Taliban bekämpft oder in Sachsen das SEK mit Pepperball-Kanonen ausstattet, darüber erfährt man nichts. Er ist schließlich erstmal da. Warum, das hat man schon selber herauszufinden.
Sicher haben die Antimilitarist_innen Recht, wenn sie festhalten, dass der Militarismus gerade eine manifestere Rolle für die ideologische wie handfeste Absicherung der deutschen Einflusssphären hat als der Faschismus, nur was folgt daraus? Nun, wenn man sich »das Treiben und Bleiben« (kettcar) im Strom der Geschichte anguckt traurigerweise das eine: Rechtfertigungsstrategien und verschiedenste Formen von nationalsozialistischen Vernichtungskollektiv bis hin zur skandinavischen Sozialstaatsromantik wechseln sich ab, sind mal Gegenwart, mal verblassende Kontur in der Vergangenheit. Der Staat aber bleibt. Auch der Kapitalismus wurde in den letzten Jahrhunderten nicht geschlagen. Anstatt also sich vom Tidenhub verrückt machen zu lassen und sich alle 10 Jahre ein neues Politikfeld zu suchen, sollte man durch atmen und gucken was über diese Zeit geblieben ist, was die Grundfesten dieser Gesellschaft sind.
Was im Umkehrschluss nicht bedeutet sich nur noch auf die Gesellschaft in ihrem idealen Durchschnitt zu fokussieren und alles was davon abweicht oder Erneuerung im ideologischen Kitt der nationalen Gemeinschaft ist zu ignorieren, die Sozialdemokratie ist im Detail eben anders zu kritsieren als die bürgerlich-völkische Hetze, die die Springer-Presse unverändert als ihre Speerspitze hat. Ohne Erkennen dieses »idealen Durchschnitts« bleibt die Kritik der jeweiligen Gegenwart aber zahnlos, weil die Gemeinsamkeiten, die BILD und taz dann doch haben, Fans des staatlichen Gemeinwesens sein etc., nicht wahrgenommen werden.
Es ist falsch gestern den Faschismus, heute den Militarismus und morgen die Butterfahrt in den Gaza-Streifen als Trutzburg linker Kritik und Intervention auszubauen, es muss darum gehen »den Normalvollzug als Katastrophe« (…ums Ganze!) auszumachen und den mit seinen blutigen Auswirkungen wie vielfältigen Ausformungen zu kritisieren. Erst wenn die nicht weniger als radikale, nämlich an die Wurzeln des Bestehenden gehende, Kritik formuliert wurde und darin Einigkeit besteht macht es Sinn zu gucken in welchen sozialen Kämpfen am ehesten Anknüpfungspunkte für die Vermittlung der eigenen Kritik existieren.

Teil II – Das Ende des Pluralismus

Mit dem Führen einer Debatte ist noch nichts gewonnen. Auch dies sollte eigentlich eine Basisbanalität sein, ist es in unseren Augen allerdings nicht, eher im Gegenteil. Die [AAH] wollte eine Debatte anstoßen und die Antimilitarist_innen freuen sich auf eine »konstruktive Diskussion«. Überhaupt gilt der Pluralismus den Linken ganz schön viel und man ist froh, dass man ganz unterschiedlich und ein bunter lustiger Haufen ist. Gegen bunte Klamotten und lustiges Gehabe haben auch wir nichts, warum auch?
Es sind dann auch die Inhalte und nicht die Kleider, die uns stören. Wenn denn überhaupt mal welche vorhanden sind, oder die vermutlich vorhandenen nicht hinter einer Riesenmauer bestehend aus »Intervention« und »den Bürger_innen nicht auf den Schlips treten« versteckt werden, herrscht selten Einigkeit. Und gerade das ist eine, wenn nicht gar die, fundamentale Schwäche, keine Stärke. Anstatt eine gemeinsame Kritik an den Gegenwartsgesellschaften zu finden spielt man immer wieder das Spiel des sich Annähern, sich mal beschnuppern, beleidigen oder wenn es ganz verkehrt läuft, wie in Magdeburg oder Frankfurt, des sich verprügeln.
Linkes Debattieren wird so aber nichts als die Neuauflage parlamentarischer Diskussionen zwischen VoKü-Tresen und Konzertraum bleiben, denn auch die Gesellschaft, in der wir leben, kennt den Pluralismus zur Genüge und hat diesen zu einem ihrer größten Werte erhoben.
Was an diesem Pluralismus so toll ist, dass der Einwand »Das ist eben meine Meinung, du hast da halt eine andere« im Notfall immer zieht, das weiß man nicht genau. Man möchte nicht so tun als hätte man die Weisheit mit Löffeln gefressen oder ist fest davon überzeugt, dass es so was wie die Wahrheit gar nicht gäbe. Was aber Schwachsinn ist, wenn jemand gegen den Kapitalismus vorbringt, dass das Finanzkapital schuld sei, dann ist das eine grundfalsche Analyse, wenn jemand Feminismus damit begründet, dass Männer eben so und Frauen eben so sein aber trotzdem ganz gleichwertig sein sollten, dann ist das ein grundfalsches Argument, dass der Erklärung von Sexismus und Frauenunterdrückung gar nichts beiträgt, im Gegenteil direkt einen neuen Sexismus gegen den Herrschenden in Stellung bringt.
Wir sind dabei gar nicht der Meinung auf alle Fragen schon die richtigen und abschließenden Antworten zu haben, keine Angst wenn das soweit ist geben wir sie natürlich weiter, noch weniger allerdings, dass die Linke mehr als einen klitzekleinen Blumentopf gewinnen kann wenn nicht in entscheidenden Fragen eine Einigung erzielt wird. Es kann dabei keineswegs um einen Minimalkonsens gehen, im Sinne von gegen die Herrschaft der Menschen über Menschen zu sein, den setzen wir bei Leser_innen dieses Blattes voraus, wir nehmen die Mitarbeiter_innen staatlicher Repressionsbehörden der Korrektheit halber aus, sondern es geht auch um die Gründe des Dagegen-Sein. Es gibt tausende falsche Gründe das Maul, mit oder ohne Zähne, aufzureißen und einige richtige. Auf die gilt es sich zu einigen.

Teil III – »Keine Angst vor dem Elfenbeinturm« (Adorno)

Wenn man diese Gründe finden will und sich darüber Klarheit verschaffen will wie diese Gesellschaft beschaffen ist und in welchen Ausdrucksformen sie sich manifestiert, dann kommt man nicht umhin sich mal in den viel gescholtenen Elfenbeinturm zurückzuziehen und sich mit der Gesellschaft auseinander zusetzen. Steine mögen im Straßenkampf fliegen, die Argumente nicht. Argumente sind auch überhaupt nicht im Aktionismus vermittelbar.
Eine brennende Mülltonne ist nicht nur eine brennende Mülltonne, sondern auch immer eine Trägerin einer bestimmten Sichtweise auf diese. Eine Sichtweise, die nicht wie von der [AAH] geschrieben durch eine »richtige Verknüpfung mit dem gesellschaftlichen Kontext«, welchem überhaupt, bestimmt wird sondern vom Blickwinkel der Menschen. Für Linke ist eine brennende Mülltonne willkommenes Objekt sich mal wieder krass zu fühlen, weil man es mal wieder richtig hat krachen lassen, für die Bürgerin von nebenan ist das zerstörtes Eigentum und das Werk von bösen, bösen, Chaot_innen.
Es kommt also viel weniger darauf an um alles in der Welt vermittelbare Ausdrücke zu schaffen, oder den ersten Band des Kapitals auf die Mülltonne zu sprühen, als vielmehr den Blickwinkel der Leute so zu verändern, dass die den einnehmen der grob mit »unser« umschrieben ist.
Weniger oder mehr Gefahr falsch und fremd definiert zu werden kann es nicht geben, es kann höchstens weniger Menschen geben, die sich den falschen Blickwinkel auf die Dinge zu Ihrem gemacht haben. Aber das wird nicht passieren, wenn nicht die Linke ihre Elfenbeinphobie beiseite legt und denen, die heute objektiv noch auf der anderen Seite der Barrikade stehen die Gründe nahe legt die Seiten zu wechseln und sich mit uns gegen Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse, wie Staat, Geschlecht oder Rasse, zu stellen.

Teil IV – Antifa?

Dass wir nicht viel von antifaschistischer Betätigung als politischem Konzept halten sollte im Subton vor allem des ersten Absatzes angeklungen sein, weil wir aber schließlich eine Antifa-Debatte führen möchten wir dazu noch ein paar mehr Worte verlieren als in Teil I.
Unsere These ist dabei, dass Antifaschismus zu nichts mehr taugt als der Aufrechterhaltung der Geschäftsgrundlage – allerdings nicht der linker Bewegungen, sondern vor allem des bürgerlichen Staates. Diese Arbeit ist keine zu befürwortende. Wir wollen nicht bestreiten, dass wir hier lieber leben als vor 800 Jahren oder auch von 1933-45. Das sind angesichts der heutigen Lage allerdings Gedankenspiele, die eine_n kaum weiter bringen. Weder steht der Feudalismus zur Wahl noch, seien wir ehrlich, die Ergreifung der Macht durch faschistische Kräfte. Was wir vielmehr haben ist ein massives Demokratieproblem. Natürlich, wenn wir nicht mehr zu unserem Plenum kommen, auch da hat Fast Forward recht, sollte das geändert werden. Das sind aber ganz grundlegende Fakten des Selbstschutzes und nicht der politischen Kritik der Gegebenheiten. Der Nazi, der in der Nordstadt rumläuft, ist keineswegs ein größeres Problem als die Gesellschaft, die Milliarden Menschen Tag für Tag aufs Unerbittlichste ausbeutet. Und, wenn man sich auf Zahlenspielchen einlassen möchte, die ca. 200 seit 1990 von Nazis getöteten Menschen jede_r einzelne eine Tragödie, allerdings nichts gegen die paar Tausend, die die westlichen Demokratien zum »Schutz des Wohlstands« in Kriegen und an den Außengrenzen Europas oder Nordamerikas sterben lässt.
Arbeitszwang, Richter_innen, die eine_n wegen des Griffes zur Marker oder Betäubungsmitteln verurteilen, all das Probleme, die den viel beschworenen Umschlag ins Böse, noch schlimmere, zu kritsieren wäre. Es ist mehr als angebracht den Mittelfinger raus zu holen und ihn diesem Staat, seiner Demokratie und seinen Bürger_innen entgegen zu strecken.
Und obwohl sich die Antifa gar nicht den blödesten Grund ausgesucht hat gegen FaschistInnen1 vorzugehen, sie argumentieren im Normalfall nicht mit dem Ansehen Deutschlands und ähnlichen Ausformungen des zur Staatsräson geronnenen bürgerlichen Antifaschismus, ist die formulierte Kritik am Kapitalismus nicht in der Lage das Skizzierte zu leisten. Die Antifa kritisiert am Kapitalismus eben nicht, dass dieser die Menschen zum Arbeiten zwingt damit die Klasse der Kapitalist_innen einen möglichst großen Haufen Gewinn einfährt, sie hat gegen den Kapitalismus die Gefahr des Faschismus vorzubringen.
Das ist auch ganz simpel der Fehler des Revolutionären Antifaschismus, den zwar niemand mehr machen möchte, dessen Echo aber von Zeit zu Zeit noch in den Aufrufen zu antifaschistischen Aktionen erschallt.
Das Aufkündigen des antifaschistischen Politikkonzeptes meint keineswegs das Ende der Gegner_innenschaft zu Nazis und Faschismus, es meint eine Neuformulierung der Kritik bürgerlicher Gegenwartsgesellschaften, die gegen diese vorbringt was sie ist und nicht was sie vor 70 Jahren mal war und vielleicht wieder werden könnte. Es geht darum die Schädigungen des bürgerlichen Staates nicht mehr als »kleineres Übel« zu verklären, sondern die Gefahren ebendieser als viel akutere Gefahr für Leib und Leben von wesentlich mehr Menschen wahrzunehmen als es die Nazis auch in Gegenden wie der Sächsischen Schweiz sein können.

Teil V – Bündnisse

Die [AAH] konstatiert, dass sich jene Linken, die »auf die eigenen Inhalte und den eigenen Ausdruck verzichten, sich allein ›zum verlängerten Arm der Zivilgesellschaft‹« machen würden. Soweit so richtig. Auch richtig, aber wie der ganze Text auf dem Niveau des linken Phrasendreschclubs verharrend, ist die Tatsache, dass man mit jenen zu reden hat, die das mit der Gegner_innenschaft zu der Gesellschaft nicht so sehen wie man selbst als kommunistische oder anarchistische Linke.
Aber wie macht man das? Sich mit denen mit man nichts gemeinsam hat an einen Tisch zu setzen, in der Hoffnung, dass diese einer dann vielleicht nicht nur zuhören, sondern auch noch die Inhalte des Vorgetragenen zur Kenntnis nehmen und richtig finden scheint uns ein Weg zu sein, der zum Scheitern verdammt ist. Von Kommunismus haben die Leute nichts verstanden, nur weil sie nicht mit der Extremismuskeule zuschlagen. Ein Faktum, dass sich auf der Demo des »Hannöverschen Bündnis gegen Rechts« am 06. März beispielhaft ablesen ließ. Die JuSos hielten einen Vortrag zur Extremismustheorie und brachten als Argument vor, dass Linke gar nicht so gefährlich für den Staat seien wie die Rechten.
Es ist doch tatsächlich die Frage woran sich der oft postulierte Erfolg antifaschistischer Politik in möglichst breiten Bündnissen festmachen soll. Für den Antifa ist die Frage leicht zu beantworten, schließlich habe man es »den Nazis mal wieder so richtig gezeigt«, für die Revolutionärin bleibt da nur der Akt des Kopfschüttelns. Offensichtlich ist das Maß des Erfolges zweierlei, was beides wenig über die Nützlichkeit für linke Politik aussagt: 1. Ob die Nazis ihren Sammelpunkt verlassen konnten, und 2. wie viele Antifaschist_innen mobilisiert werden konnten. Nun weiß man danach zwar, dass die Dummbratzen nicht laufen konnten und das kann eine_n mit einer gesunden Portion Genugtuung erfüllen und auch, dass in Dresden zehntausend Leute waren, die was gegen die Nazis hatten, wenn von diesen Zehntausend nicht die erdrückende Mehrheit bekennende Fans Deutschlands gewesen wären
Wieviele Leute hatten denn da was gegen die Demokratie und die neue deutsche Vergangenheitsbewältigung einzuwenden, wie viele Hundert hätten den Parteitag der SPD oder CDU mit derselben Vehemenz blockiert und in ihre Trillerpfeifen gepustet?
Wenn es der Linken nicht gelingt solche Inhalte zu vermitteln, sondern sich weiter auf den einfachsten Feind geschmissen wird, den den sowieso alle hassen, den Faschismus, hat die Linke leichtes Spiel sogenannte Erfolge zu notieren und kann sich nun nach Wunsiedel oder Köln auch Dresden in die Ahnengalerie »erfolgreicher« Aktionen hängen.
Komisch aber ist, dass diese »Erfolge« wie sie einheitlich genannt werden, nirgendwo neue antidemokratisch gesinnte Gruppierungen aus dem Boden sprießen lassen, dass es sich eben niemand traut mal gegen die SPD vorzugehen. Der Alerta Antifa-AK betrachtet das noch am realistischen, auch wenn sie dafür die revolutionäre Perspektive in die Tonne kloppen müssen. »Immerhin« den Nazis hat man es gezeigt, oder eben auch nicht, wie in Hannover.
In der derzeitigen Phase ist die Linke in einer Phase alltäglicher Niederlage, das ist bitter, aber auch die bittersten Pillen muss man schlucken. Dass es auch anders geht zeigen Zusammenschlüsse wie …ums Ganze, das Straßen aus Zucker Bündnis in Berlin oder im letzten Jahr verschiedentlich gegründete Anti-Wahlbündnisse, die dazu aufriefen statt wählen zu gehen, die Regierung zu stürzen und sich dabei eben nicht mit Parteien und Zivilgesellschaft in einen Topf werfen zu lassen. Eine Demo für den Kommunismus lässt sich von den Freund_innen der Demokratie eben nur verteufeln, nicht aber vereinnahmen.
Für uns steht fest, dass dies Bündnisse sind, die man sich für eine linksradikale Perspektive zur Abschaffung der Gesellschaft im Auge behalten muss. »Die Kunst«, schrieb Adorno »besteht darin sich weder von der Macht der Anderen noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen.« Die Kunst besteht also darin, aus der Position der eigenen Ohnmacht zu agieren, da aufzutauchen wo man kann und den Mächtigen kräftig auf den Zeiger zu gehen. Nichts weniger als das sollte Ziel und Anstrengung linksradikaler Bündnisarbeit sein. Es geht nicht darum die Bürger_innen zu verschonen, es geht darum ihnen ganz kräftig auf den Schlips zu treten.

Teil VI – Ab in den Einzelkampf?

Gegen die Arbeit in Bündnissen, setzt der Antifa AK der Alerta das persönliche Gespräch mit den Leuten, die man überzeugen möchte. Da kann man natürlich nichts gegen haben. Als politisches Konzept aber ist das doch zweifelhaft. Man kann nicht zu 7 Milliarden Menschen nach Hause gehen um sich mit denen über Geschlechterverhältnisse oder den Staat. zu unterhalten. Die Einzelkritikberatungen haben ganz einfach Kapazitätsprobleme, während man im Freund_innenkreis vielleicht noch gerne agitiert, weil man die Menschen mag und will, dass die auch zu der Einsicht kommen, dass der Laden sie schädigt und vor allem einen persönlichen Zugang zu diesen hat, stößt dies außerhalb des erweiterten Bekanntenkreises auf fundamentale Probleme.
Die Nachbarin von vorhin, die sich empörte, dass linke Chaot_innen in Dresden mal wieder gezündelt haben hat es vehement abgelehnt mit uns zu reden und uns mit dem Stab ihrer Deutschlandfahne bis nach Hemmingen getrieben, der Mensch von gegenüber ist nie da wenn wir klingeln…
All diese Menschen hören aber wieder von uns, wenn wir uns nicht im Einzelkampf befinden,sondern in Bündnissen an der Verunglimpfung der Nation und ihrer Freund_innen arbeiten. Wir wollen gar nicht verschweigen, dass der Antifa AK das auch gesehen hat, dass man erstmal irgendeine Form des Zugangs zu den Leuten braucht, allerdings auch die Einwände dagegen nochmal ausformulieren.
Dabei nennt die Alerta einen sehr richtigen Punkt, den wir hier, um ihn im Trubel der Diskussion nicht untergehen zu lassen, nochmal betonen möchten: Auf Bündnistreffen sitzen eh immer dieselben vergammelten Funktionär_innen rum. Und dementsprechend ist es auch richtig die Kritik woanders anbringen zu wollen, nämlich an der Basis. Aber nicht im persönlichen Gespräch. Das scheitert aus den oben genannten Gründen, vielmehr muss ausgelotet werden inwiefern basisgewerkschaftliche Initiativen innerhalb der Strukturen des Sozialbefriedungsvereins DGB oder Jugendorganisationen von Parteien und Zivilgesellschaft angesprochen und denen die radikalen Inhalte vermittelt werden können. Beispiele hierfür könnten Veranstaltungen in Gewerkschaftshäusern oder das Einbeziehen solcher Strukturen in die Organisation von Demos, Aktionen oder ganzer Kampagnen sein. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir widersprechen damit keineswegs dem Absatz zu Bündnissen, es geht uns eben nicht darum uns an einen großen Tisch mit allen Möglichen zu setzen und dann mal zu schauen was bei rumkommt, es geht uns darum aus linksradikalen Bündnissen heraus für unsere Ziele offene Zusammenschlüsse und Einzelpersonen anzusprechen.

Teil VII – Klasse

In einem anderen Punkt müssen wir den Genoss_innen vom Antifa AK allerdings entschieden widersprechen, das ist der der Klasse, bzw. der vermeintlichen Nichtklasse. Der AK schreibt »Die Mähr von der herrschenden Klasse, welche die an und für sich unschuldigen Massen unterdrückt und beherrscht, ist doch auch in linken Kreisen weitestgehend überholt.«
Als erstes bleibt einmal die Argumentlosigkeit zu bemängeln, die der AK im Absatz danach bei den Antimilitarist_innen zurecht anmerkt, hier aber selber keinerlei Begründung für die eigene These liefert.
Obendrein aber ist diese These auch falsch. Die Ausbeutung des Kapitalismus beruht auf der Trennung eines Großteils der Menschheit von den für die Befriedigung ihrer Interessen nötigen Maschinen oder Rohstoffe. Diese Trennung wird durch den Staat zementiert, man nennt das Privateigentum. Die einen besitzen die Maschinen, das sind die Kapitalist_innen, die anderen haben nicht und sind gezwungen das Einzige zu verkaufen, was ihnen immer bleibt um ihren meist kümmerlichen Besitzstand aufzubauen, ihre Arbeitskraft.
Es ist auch gar nicht Ziel dieser Wirtschaftsordnung die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern vielmehr den Gewinn für die, die über die gesellschaftlichen Produktionsmittel verfügen tendenziell unendlich zu erhöhen. Für diesen Zweck sind die Arbeiter_innen nichts als das Mittel.
Die Klasse der Kapitalist_innen herrscht also sehr wohl über die Masse der Besitzlosen. Diese Herrschaft ist kein stummer, vollkommen entpersonalisierter Zwang, den die Verhältnisse so mir nicht dir nichts in die Welt setzen und dem sich alle wie von Geisterhand unterwerfen. Das Proletariat ist aber, so der wahre Teil des Satzes, keineswegs unschuldig, viel mehr sind die Meisten offensichtliche eifrige Parteigänger_innen für die »Herrschaft der falschen Freiheit«, auch wenn sie merken, dass es eigentlich vorne bis hinten nicht reicht, und machen sich eifrig an die Beratung und vermeintliche Verbesserung des Zustands, der für das ganze Elend zu verantworten ist. Revolution jedenfalls ist nicht mit dem zu machen, was ökonomisch dem Proletariat zuzurechnen ist, die Hoffnung in den Unterdrückten das revolutionäre Subjekt gefunden zu haben sollte seit spätestens siebzig Jahren abgestorben sein.
Nur heben die Fehler der Einen die Verhältnisse nicht auf, nur weil etwas »auch in linken Kreisen« wiedergekäut wird heißt das noch lange nicht, dass da auch nur ein Funke Wahrheit enthalten wäre.

Teil VIII – Abschluss

Wir haben hoffentlich verständlich gezeigt woran es linken Bewegungen heutzutage von unserer Warte aus mangelt und wie man das angehen kann diese Missstände be- und angreifbar zu machen.
Wir werden natürlich jeden Einwand, der gegen unsere Thesen erhoben wird prüfen und im Zweifelsfall unsere Position korrigieren. Wir hoffen allerdings, dass sich nicht nur 2 oder 3 Monate erbittert gestritten wird, die Beiträge dann in analogen und digitalen Archiven vergammeln und es wieder so weiter geht wie bisher, sondern, dass die Debatte Auswirkungen auf das Politikgeschäft hat.
Vieles von dem was wir und andere gesagt haben ist nämlich keineswegs neu, allerdings scheint es uns eine manifeste Schwäche zu sein, dass, wenn überhaupt, erst nach Beginn der Diskussion mal in den Hinterlassenschaften voriger Organisierungsversuche gestöbert wird.

Kein Frieden mit Deutschland
Antinationale Initiative [AI] | ai.blogsport.de

  1. Wir verwenden, im Gegensatz zu sonstigen Personen, bei FaschistInnen nicht den Unterstrich, da der Faschismus Homo- sowie Transphobie als zentrale ideologische Momente hat. Die Verwendung des Unterstrichs wäre eine Verschleierung dieses Umstands, der sich zum Beispiel in der systematischen Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich widerspiegelt. [zurück]