Antinationale Initiative http://ai.blogsport.de Assoziation gegen die Zustände Mon, 29 Mar 2010 16:30:40 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Gedenkdemo für Thomas »Schmuddel« Schulz http://ai.blogsport.de/2010/03/29/gedenkdemo-fuer-thomas-schmuddel-schulz/ http://ai.blogsport.de/2010/03/29/gedenkdemo-fuer-thomas-schmuddel-schulz/#comments Mon, 29 Mar 2010 16:30:23 +0000 Administrator_innen Allgemein Demonstrationen http://ai.blogsport.de/2010/03/29/gedenkdemo-fuer-thomas-schmuddel-schulz/ Die Antinationale Initiative unterstützt die Demonstration im Gedenken an den von Nazis ermordeten Thomas Schulz.

Demo | 03.04.2010 | 16.00 h | Dortmund | Hauptbahnhof (Vorplatz)

Am Ostermontag, den 28.03.2005, um kurz nach 19:00 Uhr traf der damals 17-jährige Neonazi-Skin Sven Kahlin mit seiner Freundin an der U-Bahn-Station Kampstraße in der Dortmunder City auf eine Gruppe Punks. Einer von ihnen, »Schmuddel«, wollte die rechten Sprüche Kahlins nicht unkommentiert lassen und folgte den beiden alleine in die U-Bahn-Station. Es kam zum Streit. Der Neonazi zog plötzlich ein Messer und stach fünfmal auf sein Opfer ein. Ein Stich traf »Schmuddel« ins Herz. Der Mörder flüchtete, konnte aber kurz darauf verhaftet werden. »Schmuddel« verstarb auf dem Weg ins Krankenhaus.

Aufruf »Linke Freiräume erkämpfen!«
Sonderseite der Antifa Union Dortmund

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Oh du Heilige… http://ai.blogsport.de/2010/03/16/oh-du-heilige/ http://ai.blogsport.de/2010/03/16/oh-du-heilige/#comments Tue, 16 Mar 2010 10:49:25 +0000 Administrator_innen Allgemein Texte http://ai.blogsport.de/2010/03/16/oh-du-heilige/ In Hannover tobt im Moment eine Antifa-Debatte. Diese wurde ausgelöst von der [AAH] in ihrer Zeitung »angriffsfläche« und wird seitdem in der tabula rasa weitergeführt.
Bisherige Beiträge:
1. Antifaschistische Aktion Hannover – Antifadebatte auf hannöversch
2. Die Beauftragten für antimilitaristische Praxis und Selbstorganisation – Angriffsfläche?! Oder ein Abwehrkampf ist ein Abwehrkampf ist ein Abwehrkampf!
3. AK Antifa im libertären Netzwerk Alerta – Eine Antwort auf den Text »Antifadebatte auf hannöversch«, erschienen in der Angriffsfläche Nr.1 | in tabula rasa #52
4. Fast Forward Hannover – »Goodbye to your little white lies! It wouldn‘t hurt to tell the truth sometimes!«| in tabula rasa #53
5. einige Antifaschist_innen – »Remember Fascism doesn‘t start with Konzentrationcamps. That’s where it ends.« | in tabula rasa #53

PDF-Download: Oh du Heilige… Antifa 2010

Oh du Heilige…


Antifa 2010

In ihrem Zeitungsprojekt »angriffsfläche« hat die Antifaschistische Aktion Hannover ([AAH]) eine Debatte über Antifaschismus anstoßen wollen und das hat auch recht erfolgreich geklappt. Leider zeigt diese »Antifadebatte auf hannöversch« bis jetzt vor allem eines und das ist die Regression der Linken in die Politik. Über den materialistischen Zusammenhang von Faschist_innen und Demokrat_innen ließ sich bis jetzt, mit Ausnahme des Textes von Fast Forward, nichts aus der Debatte entnehmen, wie die radikale Kritik an dieser Gesellschaft und ihren Abscheulichkeiten aussehen soll ebenso wenig. Was man lernen konnte ist wie man wo wie zu sein habe, dass Antimilitarismus heute das sei was der Antifaschismus die letzten Jahrzehnte war und, das gewisse Anarchist_innen lieber mit den Leuten persönlich reden. Alles schön und gut zu wissen, alles nichts.

Teil I – Linke Trutzburgen

Der Antifaschismus ist nicht mehr die Hochburg der radikalen Linken. Diese Erkenntnis ist nun ein gutes Jahrzehnt alt. Anstatt aber dieses Scheitern eines Politikfeldes, das als prädestiniert für das Vermitteln von radikaler Kritik galt, zu analysieren und zu gucken was da falsch gelaufen ist und warum sich die Zombiearmee der Zivilgesellschaft auf den Faschismus stürzte ergeht sich die Linke seit 10 Jahren in der Geste eines kleinen Kindes, dem soeben die Sandburg zerstört wurde.
Denn, so scheint die banale wie falsche Logik der linken Bewegungspolitiker_innen, wenn die eine Burg eingerissen wurde und das da gar nicht mehr so einfach ist zu agieren, dann bauen wir uns eben eine neue.
Nicht anders scheint es uns erklärbar zu sein, dass sich in den 10 Jahren zwar hier und da etwas verändert hat, man redet teilweise von einer »antideutschen Hegemonie« oder beschwört das marxsche Schreckgespenst des Kommunismus, man im Grunde aber weiter Spielchen spielt als wäre nichts gewesen. Wo in den 90er Jahren des vergangenen Jahrtausends die Antifa konstituierte, dass der Faschismus die Ideologie sei, in der sich all die andere Scheiße vereinigte, da postulieren die »Beauftragten der Selbstorganisation für antimilitaristische Praxis und Aufstand« (im Folgenden der Einfachheit halber Antimilitarist_innen genannt) heute, dass der Militarismus derjenige Teilbereichskampf sei, in dem sich all die andere Scheiße besonders treffend kritisieren lasse.
Ganz im Stile der Antifaschistischen Aktion / Bundesweite Organisation (AA/BO) haben die Antimilitarist_innen dabei eines zu kritisieren: Verschlechterungen. Was »sozial« im Kapitalismus bedeutet wird erst zum Gegenstand einer kritischen Befassung wenn eben jenes »soziale« abgebaut wird, was Freiheit im Kapitalismus bedeutet, nämlich sich frei gegen alle anderen in der Konkurrenz durch zubeißen, interessiert nicht, das Problem ist, dass diese Freiheit der Sicherheit zum Opfer falle. Was für Konsequenzen »kollektive Lösungsansätze«, gerade in Deutschland, haben können und hatten, das ist egal bei der Gefahr von »zunehmender Individualisierung«, die am Horizont aufzieht.
Auch über so fundamentale Sachen, wie was der Staat eigentlich macht wenn er nicht in Afghanistan Taliban bekämpft oder in Sachsen das SEK mit Pepperball-Kanonen ausstattet, darüber erfährt man nichts. Er ist schließlich erstmal da. Warum, das hat man schon selber herauszufinden.
Sicher haben die Antimilitarist_innen Recht, wenn sie festhalten, dass der Militarismus gerade eine manifestere Rolle für die ideologische wie handfeste Absicherung der deutschen Einflusssphären hat als der Faschismus, nur was folgt daraus? Nun, wenn man sich »das Treiben und Bleiben« (kettcar) im Strom der Geschichte anguckt traurigerweise das eine: Rechtfertigungsstrategien und verschiedenste Formen von nationalsozialistischen Vernichtungskollektiv bis hin zur skandinavischen Sozialstaatsromantik wechseln sich ab, sind mal Gegenwart, mal verblassende Kontur in der Vergangenheit. Der Staat aber bleibt. Auch der Kapitalismus wurde in den letzten Jahrhunderten nicht geschlagen. Anstatt also sich vom Tidenhub verrückt machen zu lassen und sich alle 10 Jahre ein neues Politikfeld zu suchen, sollte man durch atmen und gucken was über diese Zeit geblieben ist, was die Grundfesten dieser Gesellschaft sind.
Was im Umkehrschluss nicht bedeutet sich nur noch auf die Gesellschaft in ihrem idealen Durchschnitt zu fokussieren und alles was davon abweicht oder Erneuerung im ideologischen Kitt der nationalen Gemeinschaft ist zu ignorieren, die Sozialdemokratie ist im Detail eben anders zu kritsieren als die bürgerlich-völkische Hetze, die die Springer-Presse unverändert als ihre Speerspitze hat. Ohne Erkennen dieses »idealen Durchschnitts« bleibt die Kritik der jeweiligen Gegenwart aber zahnlos, weil die Gemeinsamkeiten, die BILD und taz dann doch haben, Fans des staatlichen Gemeinwesens sein etc., nicht wahrgenommen werden.
Es ist falsch gestern den Faschismus, heute den Militarismus und morgen die Butterfahrt in den Gaza-Streifen als Trutzburg linker Kritik und Intervention auszubauen, es muss darum gehen »den Normalvollzug als Katastrophe« (…ums Ganze!) auszumachen und den mit seinen blutigen Auswirkungen wie vielfältigen Ausformungen zu kritisieren. Erst wenn die nicht weniger als radikale, nämlich an die Wurzeln des Bestehenden gehende, Kritik formuliert wurde und darin Einigkeit besteht macht es Sinn zu gucken in welchen sozialen Kämpfen am ehesten Anknüpfungspunkte für die Vermittlung der eigenen Kritik existieren.

Teil II – Das Ende des Pluralismus

Mit dem Führen einer Debatte ist noch nichts gewonnen. Auch dies sollte eigentlich eine Basisbanalität sein, ist es in unseren Augen allerdings nicht, eher im Gegenteil. Die [AAH] wollte eine Debatte anstoßen und die Antimilitarist_innen freuen sich auf eine »konstruktive Diskussion«. Überhaupt gilt der Pluralismus den Linken ganz schön viel und man ist froh, dass man ganz unterschiedlich und ein bunter lustiger Haufen ist. Gegen bunte Klamotten und lustiges Gehabe haben auch wir nichts, warum auch?
Es sind dann auch die Inhalte und nicht die Kleider, die uns stören. Wenn denn überhaupt mal welche vorhanden sind, oder die vermutlich vorhandenen nicht hinter einer Riesenmauer bestehend aus »Intervention« und »den Bürger_innen nicht auf den Schlips treten« versteckt werden, herrscht selten Einigkeit. Und gerade das ist eine, wenn nicht gar die, fundamentale Schwäche, keine Stärke. Anstatt eine gemeinsame Kritik an den Gegenwartsgesellschaften zu finden spielt man immer wieder das Spiel des sich Annähern, sich mal beschnuppern, beleidigen oder wenn es ganz verkehrt läuft, wie in Magdeburg oder Frankfurt, des sich verprügeln.
Linkes Debattieren wird so aber nichts als die Neuauflage parlamentarischer Diskussionen zwischen VoKü-Tresen und Konzertraum bleiben, denn auch die Gesellschaft, in der wir leben, kennt den Pluralismus zur Genüge und hat diesen zu einem ihrer größten Werte erhoben.
Was an diesem Pluralismus so toll ist, dass der Einwand »Das ist eben meine Meinung, du hast da halt eine andere« im Notfall immer zieht, das weiß man nicht genau. Man möchte nicht so tun als hätte man die Weisheit mit Löffeln gefressen oder ist fest davon überzeugt, dass es so was wie die Wahrheit gar nicht gäbe. Was aber Schwachsinn ist, wenn jemand gegen den Kapitalismus vorbringt, dass das Finanzkapital schuld sei, dann ist das eine grundfalsche Analyse, wenn jemand Feminismus damit begründet, dass Männer eben so und Frauen eben so sein aber trotzdem ganz gleichwertig sein sollten, dann ist das ein grundfalsches Argument, dass der Erklärung von Sexismus und Frauenunterdrückung gar nichts beiträgt, im Gegenteil direkt einen neuen Sexismus gegen den Herrschenden in Stellung bringt.
Wir sind dabei gar nicht der Meinung auf alle Fragen schon die richtigen und abschließenden Antworten zu haben, keine Angst wenn das soweit ist geben wir sie natürlich weiter, noch weniger allerdings, dass die Linke mehr als einen klitzekleinen Blumentopf gewinnen kann wenn nicht in entscheidenden Fragen eine Einigung erzielt wird. Es kann dabei keineswegs um einen Minimalkonsens gehen, im Sinne von gegen die Herrschaft der Menschen über Menschen zu sein, den setzen wir bei Leser_innen dieses Blattes voraus, wir nehmen die Mitarbeiter_innen staatlicher Repressionsbehörden der Korrektheit halber aus, sondern es geht auch um die Gründe des Dagegen-Sein. Es gibt tausende falsche Gründe das Maul, mit oder ohne Zähne, aufzureißen und einige richtige. Auf die gilt es sich zu einigen.

Teil III – »Keine Angst vor dem Elfenbeinturm« (Adorno)

Wenn man diese Gründe finden will und sich darüber Klarheit verschaffen will wie diese Gesellschaft beschaffen ist und in welchen Ausdrucksformen sie sich manifestiert, dann kommt man nicht umhin sich mal in den viel gescholtenen Elfenbeinturm zurückzuziehen und sich mit der Gesellschaft auseinander zusetzen. Steine mögen im Straßenkampf fliegen, die Argumente nicht. Argumente sind auch überhaupt nicht im Aktionismus vermittelbar.
Eine brennende Mülltonne ist nicht nur eine brennende Mülltonne, sondern auch immer eine Trägerin einer bestimmten Sichtweise auf diese. Eine Sichtweise, die nicht wie von der [AAH] geschrieben durch eine »richtige Verknüpfung mit dem gesellschaftlichen Kontext«, welchem überhaupt, bestimmt wird sondern vom Blickwinkel der Menschen. Für Linke ist eine brennende Mülltonne willkommenes Objekt sich mal wieder krass zu fühlen, weil man es mal wieder richtig hat krachen lassen, für die Bürgerin von nebenan ist das zerstörtes Eigentum und das Werk von bösen, bösen, Chaot_innen.
Es kommt also viel weniger darauf an um alles in der Welt vermittelbare Ausdrücke zu schaffen, oder den ersten Band des Kapitals auf die Mülltonne zu sprühen, als vielmehr den Blickwinkel der Leute so zu verändern, dass die den einnehmen der grob mit »unser« umschrieben ist.
Weniger oder mehr Gefahr falsch und fremd definiert zu werden kann es nicht geben, es kann höchstens weniger Menschen geben, die sich den falschen Blickwinkel auf die Dinge zu Ihrem gemacht haben. Aber das wird nicht passieren, wenn nicht die Linke ihre Elfenbeinphobie beiseite legt und denen, die heute objektiv noch auf der anderen Seite der Barrikade stehen die Gründe nahe legt die Seiten zu wechseln und sich mit uns gegen Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse, wie Staat, Geschlecht oder Rasse, zu stellen.

Teil IV – Antifa?

Dass wir nicht viel von antifaschistischer Betätigung als politischem Konzept halten sollte im Subton vor allem des ersten Absatzes angeklungen sein, weil wir aber schließlich eine Antifa-Debatte führen möchten wir dazu noch ein paar mehr Worte verlieren als in Teil I.
Unsere These ist dabei, dass Antifaschismus zu nichts mehr taugt als der Aufrechterhaltung der Geschäftsgrundlage – allerdings nicht der linker Bewegungen, sondern vor allem des bürgerlichen Staates. Diese Arbeit ist keine zu befürwortende. Wir wollen nicht bestreiten, dass wir hier lieber leben als vor 800 Jahren oder auch von 1933-45. Das sind angesichts der heutigen Lage allerdings Gedankenspiele, die eine_n kaum weiter bringen. Weder steht der Feudalismus zur Wahl noch, seien wir ehrlich, die Ergreifung der Macht durch faschistische Kräfte. Was wir vielmehr haben ist ein massives Demokratieproblem. Natürlich, wenn wir nicht mehr zu unserem Plenum kommen, auch da hat Fast Forward recht, sollte das geändert werden. Das sind aber ganz grundlegende Fakten des Selbstschutzes und nicht der politischen Kritik der Gegebenheiten. Der Nazi, der in der Nordstadt rumläuft, ist keineswegs ein größeres Problem als die Gesellschaft, die Milliarden Menschen Tag für Tag aufs Unerbittlichste ausbeutet. Und, wenn man sich auf Zahlenspielchen einlassen möchte, die ca. 200 seit 1990 von Nazis getöteten Menschen jede_r einzelne eine Tragödie, allerdings nichts gegen die paar Tausend, die die westlichen Demokratien zum »Schutz des Wohlstands« in Kriegen und an den Außengrenzen Europas oder Nordamerikas sterben lässt.
Arbeitszwang, Richter_innen, die eine_n wegen des Griffes zur Marker oder Betäubungsmitteln verurteilen, all das Probleme, die den viel beschworenen Umschlag ins Böse, noch schlimmere, zu kritsieren wäre. Es ist mehr als angebracht den Mittelfinger raus zu holen und ihn diesem Staat, seiner Demokratie und seinen Bürger_innen entgegen zu strecken.
Und obwohl sich die Antifa gar nicht den blödesten Grund ausgesucht hat gegen FaschistInnen1 vorzugehen, sie argumentieren im Normalfall nicht mit dem Ansehen Deutschlands und ähnlichen Ausformungen des zur Staatsräson geronnenen bürgerlichen Antifaschismus, ist die formulierte Kritik am Kapitalismus nicht in der Lage das Skizzierte zu leisten. Die Antifa kritisiert am Kapitalismus eben nicht, dass dieser die Menschen zum Arbeiten zwingt damit die Klasse der Kapitalist_innen einen möglichst großen Haufen Gewinn einfährt, sie hat gegen den Kapitalismus die Gefahr des Faschismus vorzubringen.
Das ist auch ganz simpel der Fehler des Revolutionären Antifaschismus, den zwar niemand mehr machen möchte, dessen Echo aber von Zeit zu Zeit noch in den Aufrufen zu antifaschistischen Aktionen erschallt.
Das Aufkündigen des antifaschistischen Politikkonzeptes meint keineswegs das Ende der Gegner_innenschaft zu Nazis und Faschismus, es meint eine Neuformulierung der Kritik bürgerlicher Gegenwartsgesellschaften, die gegen diese vorbringt was sie ist und nicht was sie vor 70 Jahren mal war und vielleicht wieder werden könnte. Es geht darum die Schädigungen des bürgerlichen Staates nicht mehr als »kleineres Übel« zu verklären, sondern die Gefahren ebendieser als viel akutere Gefahr für Leib und Leben von wesentlich mehr Menschen wahrzunehmen als es die Nazis auch in Gegenden wie der Sächsischen Schweiz sein können.

Teil V – Bündnisse

Die [AAH] konstatiert, dass sich jene Linken, die »auf die eigenen Inhalte und den eigenen Ausdruck verzichten, sich allein ›zum verlängerten Arm der Zivilgesellschaft‹« machen würden. Soweit so richtig. Auch richtig, aber wie der ganze Text auf dem Niveau des linken Phrasendreschclubs verharrend, ist die Tatsache, dass man mit jenen zu reden hat, die das mit der Gegner_innenschaft zu der Gesellschaft nicht so sehen wie man selbst als kommunistische oder anarchistische Linke.
Aber wie macht man das? Sich mit denen mit man nichts gemeinsam hat an einen Tisch zu setzen, in der Hoffnung, dass diese einer dann vielleicht nicht nur zuhören, sondern auch noch die Inhalte des Vorgetragenen zur Kenntnis nehmen und richtig finden scheint uns ein Weg zu sein, der zum Scheitern verdammt ist. Von Kommunismus haben die Leute nichts verstanden, nur weil sie nicht mit der Extremismuskeule zuschlagen. Ein Faktum, dass sich auf der Demo des »Hannöverschen Bündnis gegen Rechts« am 06. März beispielhaft ablesen ließ. Die JuSos hielten einen Vortrag zur Extremismustheorie und brachten als Argument vor, dass Linke gar nicht so gefährlich für den Staat seien wie die Rechten.
Es ist doch tatsächlich die Frage woran sich der oft postulierte Erfolg antifaschistischer Politik in möglichst breiten Bündnissen festmachen soll. Für den Antifa ist die Frage leicht zu beantworten, schließlich habe man es »den Nazis mal wieder so richtig gezeigt«, für die Revolutionärin bleibt da nur der Akt des Kopfschüttelns. Offensichtlich ist das Maß des Erfolges zweierlei, was beides wenig über die Nützlichkeit für linke Politik aussagt: 1. Ob die Nazis ihren Sammelpunkt verlassen konnten, und 2. wie viele Antifaschist_innen mobilisiert werden konnten. Nun weiß man danach zwar, dass die Dummbratzen nicht laufen konnten und das kann eine_n mit einer gesunden Portion Genugtuung erfüllen und auch, dass in Dresden zehntausend Leute waren, die was gegen die Nazis hatten, wenn von diesen Zehntausend nicht die erdrückende Mehrheit bekennende Fans Deutschlands gewesen wären
Wieviele Leute hatten denn da was gegen die Demokratie und die neue deutsche Vergangenheitsbewältigung einzuwenden, wie viele Hundert hätten den Parteitag der SPD oder CDU mit derselben Vehemenz blockiert und in ihre Trillerpfeifen gepustet?
Wenn es der Linken nicht gelingt solche Inhalte zu vermitteln, sondern sich weiter auf den einfachsten Feind geschmissen wird, den den sowieso alle hassen, den Faschismus, hat die Linke leichtes Spiel sogenannte Erfolge zu notieren und kann sich nun nach Wunsiedel oder Köln auch Dresden in die Ahnengalerie »erfolgreicher« Aktionen hängen.
Komisch aber ist, dass diese »Erfolge« wie sie einheitlich genannt werden, nirgendwo neue antidemokratisch gesinnte Gruppierungen aus dem Boden sprießen lassen, dass es sich eben niemand traut mal gegen die SPD vorzugehen. Der Alerta Antifa-AK betrachtet das noch am realistischen, auch wenn sie dafür die revolutionäre Perspektive in die Tonne kloppen müssen. »Immerhin« den Nazis hat man es gezeigt, oder eben auch nicht, wie in Hannover.
In der derzeitigen Phase ist die Linke in einer Phase alltäglicher Niederlage, das ist bitter, aber auch die bittersten Pillen muss man schlucken. Dass es auch anders geht zeigen Zusammenschlüsse wie …ums Ganze, das Straßen aus Zucker Bündnis in Berlin oder im letzten Jahr verschiedentlich gegründete Anti-Wahlbündnisse, die dazu aufriefen statt wählen zu gehen, die Regierung zu stürzen und sich dabei eben nicht mit Parteien und Zivilgesellschaft in einen Topf werfen zu lassen. Eine Demo für den Kommunismus lässt sich von den Freund_innen der Demokratie eben nur verteufeln, nicht aber vereinnahmen.
Für uns steht fest, dass dies Bündnisse sind, die man sich für eine linksradikale Perspektive zur Abschaffung der Gesellschaft im Auge behalten muss. »Die Kunst«, schrieb Adorno »besteht darin sich weder von der Macht der Anderen noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen.« Die Kunst besteht also darin, aus der Position der eigenen Ohnmacht zu agieren, da aufzutauchen wo man kann und den Mächtigen kräftig auf den Zeiger zu gehen. Nichts weniger als das sollte Ziel und Anstrengung linksradikaler Bündnisarbeit sein. Es geht nicht darum die Bürger_innen zu verschonen, es geht darum ihnen ganz kräftig auf den Schlips zu treten.

Teil VI – Ab in den Einzelkampf?

Gegen die Arbeit in Bündnissen, setzt der Antifa AK der Alerta das persönliche Gespräch mit den Leuten, die man überzeugen möchte. Da kann man natürlich nichts gegen haben. Als politisches Konzept aber ist das doch zweifelhaft. Man kann nicht zu 7 Milliarden Menschen nach Hause gehen um sich mit denen über Geschlechterverhältnisse oder den Staat. zu unterhalten. Die Einzelkritikberatungen haben ganz einfach Kapazitätsprobleme, während man im Freund_innenkreis vielleicht noch gerne agitiert, weil man die Menschen mag und will, dass die auch zu der Einsicht kommen, dass der Laden sie schädigt und vor allem einen persönlichen Zugang zu diesen hat, stößt dies außerhalb des erweiterten Bekanntenkreises auf fundamentale Probleme.
Die Nachbarin von vorhin, die sich empörte, dass linke Chaot_innen in Dresden mal wieder gezündelt haben hat es vehement abgelehnt mit uns zu reden und uns mit dem Stab ihrer Deutschlandfahne bis nach Hemmingen getrieben, der Mensch von gegenüber ist nie da wenn wir klingeln…
All diese Menschen hören aber wieder von uns, wenn wir uns nicht im Einzelkampf befinden,sondern in Bündnissen an der Verunglimpfung der Nation und ihrer Freund_innen arbeiten. Wir wollen gar nicht verschweigen, dass der Antifa AK das auch gesehen hat, dass man erstmal irgendeine Form des Zugangs zu den Leuten braucht, allerdings auch die Einwände dagegen nochmal ausformulieren.
Dabei nennt die Alerta einen sehr richtigen Punkt, den wir hier, um ihn im Trubel der Diskussion nicht untergehen zu lassen, nochmal betonen möchten: Auf Bündnistreffen sitzen eh immer dieselben vergammelten Funktionär_innen rum. Und dementsprechend ist es auch richtig die Kritik woanders anbringen zu wollen, nämlich an der Basis. Aber nicht im persönlichen Gespräch. Das scheitert aus den oben genannten Gründen, vielmehr muss ausgelotet werden inwiefern basisgewerkschaftliche Initiativen innerhalb der Strukturen des Sozialbefriedungsvereins DGB oder Jugendorganisationen von Parteien und Zivilgesellschaft angesprochen und denen die radikalen Inhalte vermittelt werden können. Beispiele hierfür könnten Veranstaltungen in Gewerkschaftshäusern oder das Einbeziehen solcher Strukturen in die Organisation von Demos, Aktionen oder ganzer Kampagnen sein. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir widersprechen damit keineswegs dem Absatz zu Bündnissen, es geht uns eben nicht darum uns an einen großen Tisch mit allen Möglichen zu setzen und dann mal zu schauen was bei rumkommt, es geht uns darum aus linksradikalen Bündnissen heraus für unsere Ziele offene Zusammenschlüsse und Einzelpersonen anzusprechen.

Teil VII – Klasse

In einem anderen Punkt müssen wir den Genoss_innen vom Antifa AK allerdings entschieden widersprechen, das ist der der Klasse, bzw. der vermeintlichen Nichtklasse. Der AK schreibt »Die Mähr von der herrschenden Klasse, welche die an und für sich unschuldigen Massen unterdrückt und beherrscht, ist doch auch in linken Kreisen weitestgehend überholt.«
Als erstes bleibt einmal die Argumentlosigkeit zu bemängeln, die der AK im Absatz danach bei den Antimilitarist_innen zurecht anmerkt, hier aber selber keinerlei Begründung für die eigene These liefert.
Obendrein aber ist diese These auch falsch. Die Ausbeutung des Kapitalismus beruht auf der Trennung eines Großteils der Menschheit von den für die Befriedigung ihrer Interessen nötigen Maschinen oder Rohstoffe. Diese Trennung wird durch den Staat zementiert, man nennt das Privateigentum. Die einen besitzen die Maschinen, das sind die Kapitalist_innen, die anderen haben nicht und sind gezwungen das Einzige zu verkaufen, was ihnen immer bleibt um ihren meist kümmerlichen Besitzstand aufzubauen, ihre Arbeitskraft.
Es ist auch gar nicht Ziel dieser Wirtschaftsordnung die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern vielmehr den Gewinn für die, die über die gesellschaftlichen Produktionsmittel verfügen tendenziell unendlich zu erhöhen. Für diesen Zweck sind die Arbeiter_innen nichts als das Mittel.
Die Klasse der Kapitalist_innen herrscht also sehr wohl über die Masse der Besitzlosen. Diese Herrschaft ist kein stummer, vollkommen entpersonalisierter Zwang, den die Verhältnisse so mir nicht dir nichts in die Welt setzen und dem sich alle wie von Geisterhand unterwerfen. Das Proletariat ist aber, so der wahre Teil des Satzes, keineswegs unschuldig, viel mehr sind die Meisten offensichtliche eifrige Parteigänger_innen für die »Herrschaft der falschen Freiheit«, auch wenn sie merken, dass es eigentlich vorne bis hinten nicht reicht, und machen sich eifrig an die Beratung und vermeintliche Verbesserung des Zustands, der für das ganze Elend zu verantworten ist. Revolution jedenfalls ist nicht mit dem zu machen, was ökonomisch dem Proletariat zuzurechnen ist, die Hoffnung in den Unterdrückten das revolutionäre Subjekt gefunden zu haben sollte seit spätestens siebzig Jahren abgestorben sein.
Nur heben die Fehler der Einen die Verhältnisse nicht auf, nur weil etwas »auch in linken Kreisen« wiedergekäut wird heißt das noch lange nicht, dass da auch nur ein Funke Wahrheit enthalten wäre.

Teil VIII – Abschluss

Wir haben hoffentlich verständlich gezeigt woran es linken Bewegungen heutzutage von unserer Warte aus mangelt und wie man das angehen kann diese Missstände be- und angreifbar zu machen.
Wir werden natürlich jeden Einwand, der gegen unsere Thesen erhoben wird prüfen und im Zweifelsfall unsere Position korrigieren. Wir hoffen allerdings, dass sich nicht nur 2 oder 3 Monate erbittert gestritten wird, die Beiträge dann in analogen und digitalen Archiven vergammeln und es wieder so weiter geht wie bisher, sondern, dass die Debatte Auswirkungen auf das Politikgeschäft hat.
Vieles von dem was wir und andere gesagt haben ist nämlich keineswegs neu, allerdings scheint es uns eine manifeste Schwäche zu sein, dass, wenn überhaupt, erst nach Beginn der Diskussion mal in den Hinterlassenschaften voriger Organisierungsversuche gestöbert wird.

Kein Frieden mit Deutschland
Antinationale Initiative [AI] | ai.blogsport.de

  1. Wir verwenden, im Gegensatz zu sonstigen Personen, bei FaschistInnen nicht den Unterstrich, da der Faschismus Homo- sowie Transphobie als zentrale ideologische Momente hat. Die Verwendung des Unterstrichs wäre eine Verschleierung dieses Umstands, der sich zum Beispiel in der systematischen Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich widerspiegelt. [zurück]
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Zweiter Nachtrag zur Veranstaltung mit Freerk Huisken http://ai.blogsport.de/2009/12/14/zweiter-nachtrag-zur-veranstaltung-mit-freerk-huisken/ http://ai.blogsport.de/2009/12/14/zweiter-nachtrag-zur-veranstaltung-mit-freerk-huisken/#comments Mon, 14 Dec 2009 20:41:13 +0000 Administrator_innen Kurz angekündigt: Veranstaltungen http://ai.blogsport.de/2009/12/14/zweiter-nachtrag-zur-veranstaltung-mit-freerk-huisken/ Wie wir heute erfahren haben kann Freerk Huisken aus gesundheitlichen Gründen leider nicht kommen. Aber kein Grund zur Beunruhigung, referieren wird nun Jonas Köper. Natürlich zum selben Thema. Wir sehen uns also Morgen um 19.30 Uhr in Raum B 302.

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Nachtrag zur Veranstaltung mit Freerk Huisken http://ai.blogsport.de/2009/12/08/nachztag-zur-veranstaltung-mit-freerk-huisken/ http://ai.blogsport.de/2009/12/08/nachztag-zur-veranstaltung-mit-freerk-huisken/#comments Tue, 08 Dec 2009 18:46:37 +0000 Administrator_innen Kurz angekündigt: Veranstaltungen http://ai.blogsport.de/2009/12/08/nachztag-zur-veranstaltung-mit-freerk-huisken/ Die Univerwaltung hat sich mittlerweile gemeldet. Die Veranstaltung zum Bildungsstreik findet in Raum B302 im Hauptgebäude der Uni Hannover statt. 19.30 Uhr ist natürlich immer noch die Zeit.

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Die Bildung klauen lassen http://ai.blogsport.de/2009/12/08/die-bildung-klauen-lassen/ http://ai.blogsport.de/2009/12/08/die-bildung-klauen-lassen/#comments Tue, 08 Dec 2009 13:10:15 +0000 Administrator_innen Allgemein Texte http://ai.blogsport.de/2009/12/08/die-bildung-klauen-lassen/ Zum Bildungsstreik haben wir auch folgendes Flugblatt veröffentlicht, welches sich kritisch mit der Bewegung auseinandersetzt. Dies sind Fragmente aus einem weitergehenden Diskussionsprozess, bei denen wir wichtig gefunden haben sie zu veröffentlichen um den Student_innen in angemessener Kürze einige Fehler ihres Protests aufzuzeigen. Wie immer sind Kritik und Anmerkungen gerne gesehen und können an antinationaleinitiative[at]gmx[dot]net übersendet werden.
Zur weiteren Lektüre emfehlen wir auch hier einen Blick in die Texte gegen den Bildungsbetrieb zu werfen.
Den Text kann man hier lesen oder sich auch als PDF speichern. In Hannover wird es den in Kürze auch gedruckt geben, wenn ihr Interesse habt den Text auch in eurer Stadt zu verbreiten, sagt uns bitte kurz Bescheid ansonsten sei euch das Kopieren nach Wunsch freigestellt.

PDF-Download von »Die Bildung klauen lassen. Drei Fragmente zur Kritik des Bildungsstreik 2009«

»Wie ein stoischer Sklave glaubt der Student sich umso freier, je mehr alle Ketten der Autorität ihn fesseln. Genau wie seine neue Familie, die Universität, hält er sich für das gesellschaftliche Wesen mit der größten ›Autonomie‹, während er doch gleichzeitig und unmittelbar von den zwei mächtigsten Systemen der sozialen Autorität abhängt: der Familie und dem Staat. Er ist ihr ordentliches und dankbares Kind. Nach derselben Logik eines untergeordneten Kindes hat er an allen Werten und Mystifikationen des Systems teil und konzentriert sie in sich. Was einst den Lohnabhängigen aufgezwungene Illusionen waren, wird heute zu einer von der Masse der zukünftigen kleinen Kader verinnerlichten und getragenen Ideologie.«
Situationistische Internationale – Über das Elend im Studentenmilieu

Wenn man den Bildungsstreik1 anschaut, könnte man ziemlich schnell zu der Überzeugung kommen, dass es sich bei dieser Bildung, die da einerseits bestreikt, andererseits aber vor allem verbessert werden soll, um eine prima Sache handeln könnte. Warum und wann sonst schließen sich schließlich tausende Menschen zusammen und besetzen in einem, mehr oder weniger, simultanen Akt Hörsäle, Audimaxe oder ganze Unigebäude, und das über alle politischen Grabenkämpfe hinweg?
So abstrakt die Frage erscheinen mag, so einfach erscheint aus unserer Sicht ihre Beantwortung: Die meisten Streikenden haben schlicht ein unkritisches Verhältnis zum Begriff der Bildung und den Zwecken, die selbige in dieser Gesellschaft verfolgt. Dem folgend werden wir eine kritische Bestimmung des Begriffs der Bildung in westlichen Gegenwartsgesellschaften liefern und warum wir eine Kritik gegen die Bildung dem idealistischen Anrufen von Staat und Politiker_innen2 für die Bildung vorziehen.

Abs. 1 Dummheit3 als Effekt von Erziehung und Bildung

Bildung im Kapitalismus bedeutet dabei vor allem erstmal eins: Erziehung zu mündigen Staatsbürger_innen, deren eigener Zweck der der Gesellschaft ist, Arbeiten gehen um Gewinn anhäufen, dem Staat dienen, oder zumindest auf ihn hören. Das fängt schon vor der Schule mit Werten an und wird dort und später in der Universität weitergeführt. Einer wird schon in frühester Kindheit beigebracht, dass man das Stehlen zu unterlassen hat, dass es Frauen und Männer gibt, die sich natürlich heterosexuell begehren und dass es nichts geschenkt gibt. Nicht zuletzt, und durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch wird einer das Glücksversprechen der bürgerlichen Gesellschaft erzählt, arbeite hart und der Lohn wird schon eines Tages erscheinen; für die meisten Menschen wird dieses Versprechen im Laufe ihres Lebens zur weit entfernten Sehnsucht, falls es nicht weit vor der Rente abgestorben ist und dem stumpfen Ackern für Standort und Familie gewichen ist. Denn viel omnipäsenter als das Glück ist das Scheitern.
Von der Geburt an werden wir so von Eltern, Institutionen, Nachbarn, dem sozialen Druck gegen alles was anders ist, preis gegeben und so zurecht gebogen. Unter dieser Maxime geht es in der Schule dann natürlich weiter. Auch da wird einem nicht nur ideologiefreies Wissen vermittelt, sondern eine Vorauswahl, die uns dann als Bildung aufgedrückt wird. Dieses tritt beim kleinen 1×1 nicht so recht zu Tage, und auch Schreiben und Lesen lernen sind prinzipiell wichtig. Deutlicher ist das bei Themen wie Politik zu sehen. Aus der eigenen Parteilichkeit macht der Bildungskanon dabei überhaupt keinen Hehl, die Demokratie westlicher Prägung sei die beste Staatsform, die jemals die Menschen in Nationalitäten eingeordnet hat und der Kapitalismus als beste Wirtschaftsweise wird der ehemals auf Erlösung hoffenden Menschheit Jahrgang für Jahrgang wieder beigebracht.
Doch das ist bei weitem nicht alles, die Dummheiten fangen damit erst an. Natürlich, die Demokratie ist mit Militär, Polizei und Gesetzen ja außerordentlich wehrhaft, da ist kritisches Denken nicht nur erlaubt, nein sogar gefragt; Bürger_innen sollen sich konstruktiv in die Belange des Staats einbringen, sie sollen in einen Dialog mit der Politik suchen, aber alles unter der Maxime der Konstruktivität. Auch das ist nichts als eine gelernte Dummheit, man darf keine fundamentale Kritik dieser Demokratie üben, und dementsprechend verzichtet der Großteil der Menschen direkt auch darauf sich eine solche nur anzuhören. Kritik, die ihrem Wesen nach destruktiv ist, wird so abgebügelt und vor die Forderung nach der Alternative gestellt.

Abs. 2 Der Zweck der Bildung

Soweit die einleitende Bestimmung des Inhaltes der Bildung in westlichen Gegenwartsgesellschaften. Aber wozu eigentlich das Ganze? Was die Bildung soll, und das wird gerne komplett vernachlässigt, ist die Leute auf ihre Positionen im Lohnarbeitsalltag zu verweisen. In der Schule beginnt der gebildete Selektionsprozess4. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass ein Großteil der Menschen auf der Strecke bleibt, diese die Härten der Selektion früher als andere und härter abbekommen. An der Selektion ändern auch kosmetische Operationen nichts, ob in einer Gesamtschule oder einem dreigliedrigen Schulsystem, nach der Schule, oder für wenige nach der Uni, geht es knallhart los. Die Kaviarbuffets dieser Gesellschaft sollen gar nicht für alle erreichbar sein, viel mehr wird eine riesige Menge lohnabhängig Beschäftigter gebraucht. Im Restaurant, am Fließband, auf dem Bau, bei der Müllabfuhr, zum Toiletten putzen und ewig so weiter.

Abs. 3 Der Protest ist das Spektakel

Die Unzufriedenheit mit Bologna-Reform, dreigliedrigem Schulsystem und dem Lernen für Noten ist dabei durchaus verständlich. Allerdings ist genau die fehlende Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen, in welchen sich alle Bewegungen befinden, der größte Fehler der Stundent_innenproteste. Probleme wie Leistungsdruck, soziale Selektionsprozesse etc. sind nicht enstanden, weil die Politik fundamental etwas falsch gemacht hätte, oder eine andere Politik sie hätten verhindern können. Die Plätze auf dem Karussell des Gutverdienens sind rar gesät. An einigen Punkten kann man sich natürlich auch an die Politik oder die Hochschulleitung wenden, in den Punkten »Master für alle«, »Bildung für alle« oder der Verhinderung der Ökonomisierung der Hochschulen. Allerdings ändert man jenen Punkten eben nicht daran, dass Bildung für alle weiter die oben gezeigten Inhalte und Zwecke hat, dass man sich nach dem Master trotzdem in der Konkurrenz beweisen muss.
Und was bringen einem diese Forderungen? Vor allem eine weitere Effektivierung der Umgestaltungen im Bildungssystem. Kleine Klassen und mehr Lehrende hören sich erstmal gut an und können das Klima sicherlich verbessern. Aber welches Klima? Das Klima, dass einem einen Einstieg in die Berufswelt jenseits prekärer Verhältnisse ermöglicht, oder auch nicht wenn man sich den Stoff nicht gut genug angeeignet hat.
Bei dem Problem der Ökonomisierung kommt ein weiteres studentisches Elend zu Tage, das sich aber beinahe schon logisch aus den Fehlern davor herleiten lässt. Wir haben ja schon festgehalten, dass die Studierenden sich keinen Begriff der Bildung gemacht haben, stattdessen haben sie ein eigenes Ideal wie die Bildung eigentlich zu sein habe. In diesem Idealismus gerne genommen ist die Ansicht, dass man sich in der Bildung in einer höheren, humanistischen Sphäre befindet, die jetzt durch die Keule der weltlichen, ökonomischen Macht getroffen wurde. Weiterhin solle man sich die Inhalte, die in der Idealisierung der Bildung nicht behandelt und abgenickt werden, selbstständig aneignen können. Zur Not auch mal mit einem Semester Pause. Es ist ja auch viel besser die sich Dummheiten westlicher Bildung selber einzuflößen und als kritisches Individuum zu reflektieren, als ebenjene Inhalte von einer Professorin erzählt zu kriegen.
All dies sind die umrissenen Dummheiten, die die Studierenden sich haben einbläuen lassen. Es treibt sie, neben der Sorgen um ihr Ideal der Bildung, das sie den Bach runter gehen sehen, die Sorge um den Standort Deutschland. Somit machen sich die Protestierenden an die Beratung des Projektes, das ihre gegenwärtigen Probleme, und die zukünftigen wenn sie erstmal aus dem Uni-Alltag raus sind, erst in die Welt gesetzt hat und sie Tag für Tag fort schreibt. Dementsprechend scheint die Besetzung, vor allem für die Besetzer_innen als unpolitischer Akt. Man will eben doch, fernab der Politik, die Härten des Studiums umschiffen und es möglichst effektiv zu Ende bringen. Dann bleibt die Hoffnung auf einen guten Job und der Traum von den wirklichen Zumutungen, die der Kapitalismus dem Großteil der Menschen aufbürdet, nichts mehr mit zu kriegen.
Im pseudokritischen Rumgehampel der Protestbewegung wird sich dabei alle Mühe gegeben, der auf Spektakel und kurzlebige D-Stars ausgerichteten Gesellschaft zu gefallen. Der Antrieb überhaupt etwas zu machen, sich als Opfer des Bologna-Prozesses tot vor die Mensa zu legen oder über Zebrastreifen zu laufen, wird alles, der Versuch der inhaltlichen Intervention wird zum Vorwurf der Spaltung des Protestes und damit zu nichts.
Dieses studentische Spektakel veranschaulicht den Geist des Kapitalismus, der seine Geschäftigkeit überall ins Spiel bringt und die Entschleunigung sozialer Prozesse zur dringenden Empfehlung gegen das Verrückt werden macht.
All die gebotene theoretische Auseinandersetzung mit den Problemen der Menschheit ersetzen natürlich nicht die Praxis, irgendwo muss angefangen werden. Nur: Irgendwo anzufangen ohne überhaupt inhaltliche Auseinandersetzungen geführt zu haben und versuchen sich Präsidium und Ministerium zu besseren Freund_innen zu machen bringt- nichts.
Die Situationistische Internationale hielt fest, dass »das studentische marginale Elend seinen Trost in den abgenutztesten Bildern der herrschenden Gesellschaft gefunden, in der grotesken Wiederholung all ihrer entfremdeten Produkte«5, hat.
Soll der Protest den Effekt haben ein paar Wochen lang Crashtest-Dummies für die bildungspolitischen Experimente der Politik gespielt zu haben, also jene grotesken Wiederholung, oder den »die objektive Verzweiflung«6 in Lohnarbeit und Studium wirklich und von Grund auf erschüttert zu haben? Das ist die entscheidende und nicht gestellte Frage der Protestbewegung. Die einzige Lösung ist die der Negation von Bildung, Staat und Kapital. Das Arbeiten an Deutschlands Mauern einzustellen und sie stattdessen zum Fallen zu bringen. Wir möchten dabei sein.

Für Deutschland keinen Finger krumm – 60 Semester Minimum.

  1. Wenn man dieses Spektakel denn überhaupt als Streik bezeichnen möchte, weder werden die Produktionsquellen des gesellschaftlichen Reichtums angetastet, noch wird die Uni bestreikt, schließlich gibt man sich alle Mühe den normalen Unialltag fortzusetzen und nimmt dem Präsidium sogar die Arbeit ab alternative Vorlesungsräume zu organisieren. [zurück]
  2. Wir benutzen in unseren Veröffentlichungen den Unterstrich um Menschen einen Platz einzuräumen, die sich der hegemonialen Zweigeschlechtlichkeit vcn Mann und Frau nicht unterordnen können oder wollen. s. auch: arranca.nadir.org/arranca/article.do?=id=245 ; asbb.blogsport.de/2008/03/14/xxy-zwischen-den-geschlechtern/ [zurück]
  3. Womit wir keineswegs eine Mindermittlung der geschädigten Menschen meinen, sondern dass das staatlich indoktrinierte Denken, das wir alle erfahren das Denken der Leute beschränkt und sie somit dumm macht, natürlich kann man diese Dummheit wieder los werden, die Lektüre dieses Textes ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Eine weitergehende Erläuterung dieses Begriffs der Dummheit findet ihr im Text »Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm?« von Freerk Huisken, der Teil der Sammlung »Texte gegen den Bildungsbetrieb« auf unserem Blog ist. [zurück]
  4. »gebildete Sozialisation«, da in der Gesellschaft noch weit mehr selektiert wird als nur durch die Menge der Bildung, die man erfahren hat. Beispielsweise durch Geld, Nationalität, Geschlecht oder Behinderungen. [zurück]
  5. Situationistische Internationale – Das Elend im Studentenmilieu; Der Text ist auch Teil der Sammlung »Texte gegen den Bildungsbetrieb« [zurück]
  6. Theodor W. Adorno – Keine Angst vor dem Elfenbeinturm, Gespräch mit dem SPIEGEL 1969; abcphil.de/html/adorno__elfenbeinturm.html [zurück]
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http://ai.blogsport.de/2009/12/08/die-bildung-klauen-lassen/feed/
Zum Bildungsstreik 2009 – Vortrag und Diskussion mit Freerk Huisken http://ai.blogsport.de/2009/12/04/zum-bildungsstreik-2009-vortrag-und-diskussion-mit-freerk-huisken/ http://ai.blogsport.de/2009/12/04/zum-bildungsstreik-2009-vortrag-und-diskussion-mit-freerk-huisken/#comments Fri, 04 Dec 2009 15:12:43 +0000 Administrator_innen Allgemein Veranstaltungen http://ai.blogsport.de/2009/12/04/zum-bildungsstreik-2009-vortrag-und-diskussion-mit-freerk-huisken/ Die Antinationale Initiative und der AStA der Uni Hannover laden zur Diskussion mit Freerk Huisken (Uni Bremen/Redaktion GegenStandpunkt) zum Bildungsstreik 2009.

Zum Bildungsstreik 2009:
* Durch den Bologna-Prozess will der Staat den Dienst der Hochschulen an der Standortkonkurrenz steigern.
* Der Bildungsstreik bestätigt den Politiker_innen, dass ihre Reform Effizienzmängel aufweist.
* Studierende als Testpersonal der Politik: Soll es das gewesen sein, was der studentische Widerstand erreichen will?

Mit Pflichtstoff vollgestopfte Studienzeiten, Leistungsdruck, Prüfungsstress, Selektion, Geldnöte: darüber beschweren sich derzeit Studierende. Und warum ist das alles so?
*
Die Protestierenden haben Antworten: Der Staat reformiere die Hochschulen in einem Sinne, der überhaupt nicht ihren Vorstellungen von Wissenschaft und Ausbildung entspreche. Das mag schon sein. Aber nach welchen Zielen und Maßstäben organisieren und reformieren der Staat und seine Rektoren_innen denn Wissenschaft und Ausbildung stattdessen? Sie werden doch ihre eigenen Ziele und Anliegen damit verfolgen.
*
Die Bildungspolitiker/innen halten ihre Absichten ja gar nicht geheim: »Wachstum« und »Konkurrenzfähigkeit« des »Standorts Deutschland« sollen mit dem Bologna-Prozess durch Forschung und studierte Berufsanwärter_innen vorangebracht werden; und dafür sei vor allem die Ausbildung zu zeitaufwendig, zu teuer, zu ineffektiv. Was ist das eigentlich für ein Programm? Vielleicht ist es zu leichtfertig abgetan, wenn manche Streitschriften zum Bildungsstreik vermerken, das sei der unheilvolle Einfluss der »Verwertungslogik«, der sich jetzt gegen die Bildungsziele im staatlichen Hochschulbereich durchsetze. Was ist, wenn es genau um so etwas auch dem Staat geht, der die »Marktwirtschaft« organisiert und doch nicht zufällig Milliarden in die Rettung des Finanzsystems steckt. Vielleicht trifft die Vorstellung gar nicht zu, dass die »Wirtschaftlobby« die staatliche Bildungspolitik davon ablenkt, was »eigentlich« ihre Aufgabe sei. Vielleicht ist es nur eine Erfindung von Studierenden, die sich viel von der Staatsmacht erwarten und weniger von der Geldmacht halten.
*
Studierende, die gerade die Erfahrung machen, wie unangenehm es ist, als Ressource einer kapitalistischen Nation verplant und sortiert zu werden, klagen bei der Bildungspolitik nichts anderes ein als mehr Berücksichtigung ihrer Konkurrenzinteressen: Mehr Geld für Bildung, für Personal und Räume, für Bücher und Labore, damit sie besser können, was sie sollen, nämlich ihr Studium zu Ende bringen. Diese Kritik an den Bologna-Prinzipien stößt auch auf Zustimmung. Kein Wunder, denn sie greift kaum etwas anderes an, als was der Bildungspolitik inzwischen selbst als »Übertreibung« bei der Durchsetzung ihrer Reform aufstößt. So werden die Protestler als »nützliche Idioten« der jüngst ausgerufenen Reform der Bologna-Reform vereinnahmt. Sollte das alles gewesen sein, was der studentische Widerstand erreichen will?
*
Um Wissenschaft und Bildung als Ressource für Staat und Kapital soll es gehen auf der Diskussionsveranstaltung. Die Vorstellungen der Protestierenden stehen dabei auch auf dem Prüfstand.

Die Veranstaltung findet am 15.12.2009 um 19.30 Uhr in Raum B3021 des Hauptgebäudes der Uni Hannover statt.
Zur Vorbereitung empfehlen wir einen Blick in die Textsammlung »Texte gegen den Bildungsbetrieb«.

  1. Wenn man die Uni durch den Haupteingang betritt links in den ersten Stock hoch gehen und an der Lichthof Ballustrade lang. [zurück]
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http://ai.blogsport.de/2009/12/04/zum-bildungsstreik-2009-vortrag-und-diskussion-mit-freerk-huisken/feed/
Texte gegen den Bildungsbetrieb http://ai.blogsport.de/2009/12/04/texte-gegen-den-bildungsbetrieb/ http://ai.blogsport.de/2009/12/04/texte-gegen-den-bildungsbetrieb/#comments Fri, 04 Dec 2009 14:52:17 +0000 Administrator_innen Allgemein Texte http://ai.blogsport.de/2009/12/04/texte-gegen-den-bildungsbetrieb/ In Hannover und einigen anderen Städten wird im Moment die Bildung bestreikt, die Student_innen sind unzufrieden und machen ihrer Unzufriedenheit mit Besetzungen Luft. Eine kritische Auseinandersetzung was Bildung aber eigentlich ist und was das für Auswirkungen auf sie hat wird selten bis gar nicht geführt. Man verbeißt sich auf den Plena in Konsensfindung bis noch jede_r zufrieden ist. Man vermeidet Inhalte um alles auf der Welt um nur den Protest nicht zu spalten. Wenn dann doch mal jemand den Mund aufmacht wird dies allzuoft als das Werk übler Extremist_innen und Kommunist_innen abgetan und mit dem Verweis auf die Mehrheit der Studierenden scheint dann alles Nötige gesagt zu sein, man ergeht sich wieder darin den Tod der Bildung zu betrauern. Dem wollen wir etwas entgegensetzen, Argumente gegen den Bildungsbetrieb liefern und so dem konformistischen Rumgehampel hiesiger Bildungsfans langsam aber sicher ein Grab schaufeln.
Diese Liste ist noch nicht endgültig, so sind einige Themen wie z.B. Gender und Erziehung in der heterosexuellen Gesellschaft nicht beachtet und auch Bildung außerhalb Deutschlands bzw. Europas nicht behandelt, das ist uns bewusst und wird ergänzt. Wenn ihr noch Texte habt, die zum Thema passen freuen wir uns über Zusendungen an antinationaleinitiative[at]gmx[dot]net.

Freerk Huisken
Zum Bildungsstreik 2009: Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm?
Zum Bildungsstreik 2009: Streiken für veredelte Konkurrenz in Schule und Hochschule und wie sich Studierende damit zu nützlichen Idioten der Reform der Bolognareform machen (NEUFASSUNG:11/09)

GegenArgumente München
Ausbildung im Kapitalismus – Die Klassengesellschaft verteilt ihre Chancen

GegenStandpunkt Marburg
»Unser« Bildungssystem soll schöner werden?

AK Hitzefrei bei jedem Wetter der redical [M]
Deutsch­lands wich­tigs­te Res­sour­ce-​ Wie Kin­der in einem men­schen­ver­ach­ten­den Sys­tem er­zo­gen wer­den

Situationistische Internationale
Das Elend im Studentenmilieu

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http://ai.blogsport.de/2009/12/04/texte-gegen-den-bildungsbetrieb/feed/
»what’s wrong with a little destruction?« http://ai.blogsport.de/2009/03/26/whats-wrong-with-a-little-destruction/ http://ai.blogsport.de/2009/03/26/whats-wrong-with-a-little-destruction/#comments Thu, 26 Mar 2009 16:50:46 +0000 Administrator_innen Allgemein Texte http://ai.blogsport.de/2009/03/26/whats-wrong-with-a-little-destruction/ In der jüngst erschienen vers beaux temps haben wir uns mit einem Diskussionsbeitrag zum Gehalt der Militanz an einer von der Redaktion in Ausgabe 19 angestoßenen Militanzdebatte beteiligt.
Der Text kann entweder als PDF-Datei heruntergeladen oder hier direkt gelesen werden. Den Text des AK Vermittlung, der die Diskussion eröffnete kann als PDF runtergeladen werden.

PDF-Download »what’s wrong with a little destruction?«
PDF-Download AK Vermittlung- »Militante Praxis«

»what’s wrong with a little destruction?«1

Gehalt der Militanz

Mit einem Text des AK Vermittlung wollte die Redaktion der vers beaux temps auch in Bezug auf die Ereignisse nach der Silvesterdemo 2007 eine neue Militanzdebatte anstoßen, da der Text des AK Vermittlung für uns2 bestenfalls gut gemeint war, nehmen wir die Einladung gerne an. Es soll hier vor allem um die inhaltliche Ausrichtung der Militanz gehen, mithin der wichtigste Punkt der Debatte und der, der beim AK Vermittlung nicht angesprochen wurde.

»don’t believe the hype«3

Der Schlusssatz des AK Vermittlung lautet »Mehr Aufmerksamkeit für linksradikale Politik!«4. Politik das ist für den AK eine ganze Reihe von Aktionsformen, durch die gleich ein bestimmter Inhalt vermittelt werden soll, so demonstriere das »Plündern eines H&M Ladens« Umverteilung praktisch. Die inhaltliche Ebene auf der bestimmt werden könnte ob die angesprochenen Aktionsformen denn, sowohl was die inhaltliche Vermittlung, als auch die Unvereinbarkeit die angesprochen wurde, tatsächlich so gegeben sind wird dabei vermieden.
Wir sehen daraus ein Problem erwachsen, dessen praktische Artikulation bei der Silvesterdemo 2007 in Hannover zu sehen war, dessen theoretische Artikulation sich auch im Text des AK Vermittlung zeigt. Während die Teilnehmer_innen der Silvesterdemo Scheiben bei Kleinwägen einschlugen und sich damit zurecht der Kritik aus breiten Teilen der radikalen Linken zuzogen, schreibt der AK Vermittlung immerhin, dass Kleinwagen ja nicht Ziel militanter Aktionen sein könnten, das Abfackeln von »Luxusautos« hingegen wird als Akt einer radikalen Linken, als Vermittlung linksradikaler Politik begriffen.
Warum denn das Abfackeln eines Autos (genauer gesagt eines »Luxusautos«) Gesellschaftskritik sei wird nie stichhaltig begründet.
Ebenso wird die Anschlussfähigkeit militanter Aktionen begeistert hervorgetan, bei Plünderungen würden Dritte begeistert mitmachen und Abschiebungen von geliebten Personen würden Menschen zu Aktionen animieren.
Allein diese Anschlussfähigkeit, die eine militante Aktion unter Umständen bieten kann ist aber auch noch kein Argument für diese, können doch auch nicht-militante Aktionen, wie eine Veranstaltung, Leute mobilisieren, außerdem ist allein durch die Teilnahme an einer Plünderung noch nicht gesagt ob das nicht vielleicht aus purem Eigeninteresse für den Einkauf mal nicht bezahlen zu müssen geschieht, oder aus der puren Laune, denn Plündern und Ladendiebstahl mögen zwar Spaß machen. Ladendiebstahl kann auch unabdingbar für das Überleben einzelner Menschen, in einer Inhaltsleere wie beim AK ist er aber purer Aktionismus und, wie später gezeigt wird, nicht in der Lage vernünftige Gesellschaftskritik zu transportieren.
Bevor wir auf das Beispiel mit der Abschiebung eingehen sei gesagt, dass wir den Kampf gegen Abschiebungen und für freies Fluten keineswegs für überflüssig halten- ganz im Gegenteil, denn staatlich institutionalisierter Rassismus ist im Hier und Jetzt eine der größten Gefahren für Leib und Leben vieler Menschen. Darum geht es hier aber nicht.
Wenn der AK Vermittlung sagt, dass bei Abschiebungen, Freund_innen, Bekannte etc. der Betroffenen mitmachen ist noch nicht gesagt, dass diese mehr gegen staatlichen Rassismus haben als das es gerade eine geliebte Person trifft, also ist auch mit dem Kampf gegen Abschiebung vielleicht eine breitere Mobilisierung möglich, ohne vermittelte Inhalte nützt dies einer radikalen Linken aber herzlich wenig.
Daran zeigt sich ein elementares Problem: Es macht keinen Sinn über die Form der Vermittlung zu streiten wenn noch nicht einmal klar ist was denn vermittelt werden soll.
Militanz drückt weder per se eine Unversöhnlichkeit mit der heutigen Gesellschaft aus, noch ist die Gegnerschaft zur heutigen Gesellschaft zwangsläufig etwas Gutes. Wenn eine Truppe Hooligans eine Polizeisperre durchbricht dann ist dies zwar eine militante Aktion, gesellschaftskritisch aber noch lange nicht. Wenn die Rote Antifa Duisburg/Düsseldorf eine Demo gegen Kapitalismus durchführt dann kann man sagen »Toll, die haben ja auch etwas gegen Kapitalismus« und wenn die Göttinger Gruppe A.L.I. zu einem Podium zum Thema Ladenschluss einlädt dann ist auch dies erstmal nichts Negatives.
Kritisch wird es dann wenn man sich mit den vermittelten Inhalten der jeweiligen Veranstaltung auseinandersetzt. Dann wird nämlich klar, dass der Antikapitalismus der RAD/D eine Hetztirade auf multinationale Unternehmen ist und sie noch nicht einmal das Geld abschaffen wollen5. Bei einer Betrachtung des Podiums der A.L.I. fällt die Magdeburger Gruppe »zusammen kämpfen« auf, die in der Vergangenheit vor Allem durch Angriffe auf linke Veranstaltungen auffiel6.

»theoretisierende giftwellen«7

Es gilt den Kapitalismus und die Unterdrückung und Ausbeutung durch jenen als systemisch angelegt zu begreifen, die Herrschenden können zwar die Ausbeutung nach ihren Interessen mal mehr (»Polizeistaat«) mal weniger hart (»Sozialstaat«) organisieren, sie für die Unterdrückung und Ausbeutung verantwortlich zu machen führt aber in die Irre, denn sie mögen Arschloch oder Gutmensch sein, aber beide sind in Formbestimmungen des bürgerlichen Staates und der bürgerlichen Demokratie gefangen.
Politik und Ökonomie mögen sich dabei von Zeit zu Zeit zwar gehörig auf die Nerven gehen, etwa wenn der Staat mit neuen Umweltschutzgesetzen dem Profitstreben der Ökonomie ein weiteres Hindernis in den Weg legt, sie sind aber beide voneinander abhängig. Verliert der Staat die in seinem Herrschaftsgebiet angesiedelte Ökonomie, so verliert er dadurch die Grundlage seiner Geschäftstüchtigkeit, die Steuern, denn nur eine Wirtschaft, die verlässlich Gewinne einfährt kann einen Teil dieser Gewinne als Steuern an den Staat zurückzahlen. Wäre die ganze Wirtschaft von staatlichen Subventionen abhängig um zu überleben wäre der Staat am Ende. Während soziale Absicherungsmaßnahmen, Arbeitsschutzgesetze und andere Maßnahmen des Staates dem Kapital und seinem Profitstreben eher ein Dorn im Auge ist, ist es in der heutigen Gesellschaft auch der Staat, der der Ökonomie überhaupt ihre grundlegenden Mechanismen des Wettbewerbs sichert. Durch Recht und dem Monopol auf dessen Definition beim Staat sorgt er für die Einhaltung der Arbeitsverträge und sichert das Privateigentum. Wer seinen Arbeitsvertrag bricht oder gar ein Eigentumsdelikt begeht wird von der Judikative zur Rechenschaft gezogen. Wer sich affirmativ an den Staat wendet, oder anders gesagt versucht diesen mitzugestalten, der gibt die Hoffnung auf einen mehr als moderaten Wandel der kapitalistischen Gesellschaft auf. Emanzipation kann nur durch ein grundsätzliches Infragestellen der Mechanismen des Kapitalismus geschehen. Sich bei dieser radikalen Kritik immer wieder auf die Ebene des Politik machen zurückzuziehen ist mehr als kontraproduktiv. Ebenso kontraproduktiv ist es dann auch die zu kritisieren, die Heute an der Macht sind und Morgen durch Andere abgelöst wurden, die vielleicht ein anderes Label, aber im Grunde die Selben Inhalte nach außen tragen. Damit ist nicht gesagt, dass es hin und wieder angebracht ist einzelne Personen für ihr Verhalten zu kritisieren, zum Beispiel Schünemann für seinen Versammlungsgesetzentwurf, für die systemischen Schädigungen, denen alle Menschen ausgesetzt sind können diese aber herzlich wenig.
Ähnlich verhält es sich mit dem Plündern bei H&M, »mit dem Umverteilung praktisch demonstriert wird«. Das was da demonstriert wird ist vielleicht »Umverteilung aus euren Taschen«8, die Umverteilung des Reichtums, der Kleidung auf die, die an der Plünderung beteiligt sind, an dem Kern des Problems, dem Privateigentum an gesellschaftlichen Produktionsmitteln, geht diese Form der Umverteilung gnadenlos vorbei, mehr noch sie thematisiert sie noch nicht einmal.
Das kollektive Glück durch Umverteilung kann so auch in einer Gesellschaft erlangt werden, die von einer umfassenden Emanzipation, und das meint eine Emanzipation von Tausch, Ware und Wert als Grundkategorien kapitalistischer Gesellschaften, nichts hören will. Das kollektive Glück ist damit aber höchstens eine euphorische Momentaufnahme, die am nächsten Tag der Ernüchterung weichen muss.

»weil ich ein benz fahr’, bin ich noch kein nazi«9

Militante Praxis erfordert Verantwortung, das hat der AK richtig erkannt. Militanz erfordert aber auch in der inhaltlichen Legitimation Verantwortung.
Eine Aktion, die auf einer falschen Analyse beruht kann letztendlich noch so sorgsam ausgeführt werden, durch Weglassen der Inhalte wird sie für eine radikale Linke nicht besser. Der Verzicht auf Militanz, das Reduzieren der eigenen Kritik auf Verbalradikalität und das Vertrauen auf die Kraft des besseren, eigenen Argumentes sind aber, angesichts der Kraft des falschen kapitalistisch-nationalistischen Arguments und der Gewalt mit der dieses Tag für Tag erhalten wird, keine Alterntiven und überhaupt nicht nötig.
»Eine Diskussion um Militanz hat sich vor Allem mit deren Inhalten auseinanderzusetzen«10.
In diesen Sinne gilt es zu erkennen: Nicht jeder Kapitalist ist Arschloch, wie etwa von den Protagonist_innen der Wagensportliga in deren Aktionen postuliert, und nicht jede_r Arbeiter_in gut, ist es doch offenbar, dass Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und ähnliche Herrschaftsformen von der Masse der Bevölkerung reproduziert werden und nicht von oben verschrieben werden. Wenn dieses Nichtwissen (oder bewusste Reproduzieren) über Herrschaftsverhältnisse seitens der Besitzer_innen bedeutet das man einen Wagen abfackeln könnte, dann, und da wären wir wieder bei der Silvesterdemo 2007, kann man auch Kleinwagen beschädigen, weil die Besitzer_innen das mit der emanzipativen Gesellschaft noch nicht verstanden haben. Und das wo sie doch viel bessere und alltäglich erfahrbare Gründe haben sollen als der Kapitalist mit dem Laden endlich Schluss zu machen.
Natürlich ist Militanz mit dieser Zielsetzung Schwachsinn, und wird zum Glück auch nicht angewandt. Ebenso Schwachsinn, dass sollte mittlerweile klar sein, ist es aber auch die herrschende Klasse dafür, dass sie den Kapitalismus reproduzieren in Sippenhaft zu nehmen und der Masse der Bevölkerung, mal wieder, einen Persilschein auszustellen.

Für das Ende der Gewalt!
Für den Kommunismus!

Antinationale Initiative
Gruppe wider den deutschen Zuständen
antinationaleinitiative[at]gmx[dot]net

  1. Franz Ferdinand, The Fallen [zurück]
  2. Uns, Wir usw. bezieht sich auf die Mitglieder der Antinationalen Initiative [zurück]
  3. Boys Noize, Don’t believe the hype [zurück]
  4. Zitate, wenn nicht anders gekennzeichnet, sind aus dem Text »Militante Praxis« des AK Vermittlung aus der vbt 19 S. 32 f. entnommen. [zurück]
  5. Die RAD/D verteilte ein Flugblatt mit solchen Inhalten auf einer Demo Anfang Februar 2008 in Essen: http://ai.blogsport.de/images/raddessen.jpg [zurück]
  6. http://aipmd.pytalhost.de/texte/fuerdasendedergewalt.html [zurück]
  7. http://vegan.blogsport.de/2008/08/02/wir-stellen-menschen-und-andere-tiere-nicht-gleich/#comment-80 [zurück]
  8. Die Bandbreite, Wir können auch anders [zurück]
  9. Deine Lieblingsrapper, Mit Stil [zurück]
  10. Phase2 Leipzig, »Vom denkenden Handeln«, Phase2 28 [zurück]
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http://ai.blogsport.de/2009/03/26/whats-wrong-with-a-little-destruction/feed/